Weide im Wind - Christchurch

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    • Weide im Wind - Christchurch

      Christchurch.
      Wieder ein schreckliches Attentat, mit unschuldigen Toten, als Opfer wirrer Ideologien.
      Unweigerlich fühlt man sich an die Gräuel der IS Mörder erinnert, die mit ihren abscheulichen Taten geprahlt haben.
      Selbst die Nazis begingen ihre Morde heimlich, suchten sie vor der Welt zu verstecken und anschließend zu vertuschen. Heute sind wir einige Schritte weiter.
      Die IS Schergen wollten das wir alles sehen, um uns Angst einzujagen, damit wir an der Menschlichkeit, als Grundkonstante zweifeln.
      Christchurch lässt uns nun erneut kurz den Atem anhalten, bevor auch diese Opfer von neuen Ungeheuerlichkeiten, Trends oder Aufregern, von den Titelseiten verdrängt werden.
      Doch das hier ist wieder anders.
      Denn noch nie war das Morden so sehr auf seine Internettauglichkeit ausgerichtet, darauf zitiert und verbreitet zu werden.
      Durchgestylt, von der ersten bis zur letzten Sekunde, nichts wurde dem Zufall überlassen.
      Das hier ist Terror 2.0, die Web Version.

      Ich hatte bis Freitagabend kaum etwas davon mitbekommen, Christchurch geisterte nur am Rande meines Tages entlang.
      Erst spät kam ich dazu, mich näher mit der Tat zu befassen.
      Ungläubig las ich zunächst die Berichte und später dann auch das Manifest des Attentäters.
      Es wirkt auf mich wie ein Sammelsurium verschiedener moderner Ideologien, die inzwischen fast den Status von Glaubenssätzen erreicht haben.
      Interessant daran ist, und genau das ist meiner Ansicht nach auch Sinn und Zweck gewesen, sich sowohl im rechten, ökologischen als auch im linken Lager zu bedienen.
      Wir haben es hier mit einer Ansammlung der knackigsten Quotes aller Fraktionen zu tun.
      Wie geschaffen dafür, sich jeweils das Passende herausgreifen, um danach mit dem Finger auf das jeweils andere Lager zu zeigen.
      Meiner Ansicht nach wurde es genauso konzipiert und ist somit alles andere als wirr, auch wenn es den Eindruck vermitteln soll.

      Eine andere Sache sind die Filmaufnahmen, die der Täter mit einer Bodycam produziert hat. Zu mir nach Hause gestreamt, in die Sicherheit meines Wohnzimmers.
      Ich habe mir damals keines der brutalen IS Videos angesehen, die leider zur Genüge im Umlauf waren.
      Deswegen habe ich auch hier gezögert.
      Nach einigen Diskussionen habe ich es dennoch angesehen.
      Denn ich halte diese Aufnahmen für ein zeitgeschichtliches Dokument, von dem ich mir selbst ein Bild machen wollte.
      Dafür brauche ich weder heuchlerische Ausreden noch Lippenbekenntnisse, warum ich etwas tue, oder nicht tue, wie es heute so schick ist.
      Und ich färbe auch kein Facebook Profil mit dieser oder jener Flagge, aus dem einfachen Grund, weil ich gar keines habe.
      Was mich letztlich dazu bewegt hat war schließlich einfach, dass ich niemanden brauche, der mir sagt was ich zu denken, oder zu empfinden habe.
      Das Framing und Nudging, die vielen meinungscolourierten Artikel, der letzten Jahre sind schlicht etwas viel des Guten.
      Die Empörten aller Lager haben ja auch bereits wieder Stellung bezogen.
      Je nach politischer Ausrichtung wird vertuscht, oder man macht sich gleich mit dem Mörder gemein, wenn man es ansieht.
      Ich behalte mir allerdings trotzdem vor, dass Denken nicht abzuschalten und die Augen offen zu halten.

      Um es vorweg zu nehmen, was ich zu sehen bekam ist schrecklich gewesen.
      Noch nie habe ich so etwas eiskaltes, berechnetes und durchchoreografiertes gesehen, wie diese Filmaufnahmen. Sechzehn quälende Minuten lang folgt man dem Mörder, die Szenen muten wie ein Egoshooter an.
      Auch hier fiel mir sofort ins Auge, wie bewusst der Täter agiert hat.
      Das fängt schon bei der Fahrt zum Tatort an und so irre es klingt, bei der Musikauswahl.
      Die fröhliche Marschmusik wirkt unglaublich zynisch und wurde genau aus diesem Grund ausgewählt. Als Soundtrack eines abscheulichen Verbrechens.
      Wir sehen wie die Waffen sortiert werden, Magazine überprüft. Alles im Comicstil, denn sie sind mit weißer Farbe bemalt, auf ihnen prangen Parolen und Namen anderer Attentäter.
      Der Mörder selbst scheint bester Laune zu sein, kommentiert mit knappen Sätzen, die einen wohl an schmissige Oneliner aus Actionfilmen erinnern sollen.
      Dann die Tat selbst, deren Einzelheiten ich hier gar nicht wiedergeben möchte.
      Und doch habe ich festgestellt, wie sehr Realität und Vorstellung an solch einem Punkt kollidieren.
      Denn ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind aus unzähligen Filmen, oder Videospielen konditioniert, die sich in unserer Vorstellung mit Moral und Anstand verbinden, wo sie ein gewisses Bild ergeben.

      Doch das hier ist die erschreckende Wirklichkeit, die ganz anders abläuft.
      Dieser Umstand hat mich am meisten erschreckt.
      Denn was wir dort zu sehen bekommen wirkt, bei all seiner Grausamkeit, fast banal und beiläufig.
      Die Tat läuft fast geschmeidig ab, ihr fehlt nicht nur die Reflektion, sondern auch jegliche Hast.
      Plop-Plop-Plop, Plop-Plop-Plop.
      Nächstes Magazin. Noch eines und eines.
      Man fühlt sich so hilflos, während man hofft das jemand ihm Einhalt gebietet.
      Aber das passiert nicht. Es gibt keine Polizeisirenen, keine Gegenwehr, oder Rettung in letzter Sekunde.
      Kein Platz für Heldentum und auch nicht für Mitleid, oder Menschlichkeit. Und es gibt weder ein Warum, noch überhaupt die Frage danach.
      Denn das hier ist die Realität und niemand drückt die Stopp Taste, die Welt läuft einfach weiter.
      Es ist so leicht ein Menschenleben zu nehmen, der selbst Opfer zu werden.
      Die Fußnote eines Wahnsinnigen, beim designten Morden, snapchatfacetweetable aufbereitet, während sich die Welt einfach weiterdreht.
      Zumindest möchte uns der Täter genau das Glauben machen. Bei mir hat es funktioniert, zumindest am Anfang.

      Darüber habe ich eine Weile nachgedacht, bevor ich diese Erkenntnis teilweise revidieren möchte. Erstmal bleibt festzuhalten:
      Nicht wer sich das Manifest durchliest, oder sich das Video anschaut/nicht anschaut, macht sich mit diesem Mörder gemein. Es sind jene, die danach mit dem Finger auf andere zeigen.
      Denn es ist genau jenes Spalten, auf welches der Täter abzielt und darauf war die gesamte Tat letztlich ausgelegt.
      Ein Streifzug durch diverse Medien, rechts wie links zeigt mir auch, dass seine Berechnungen, zumindest teilweise, aufgegangen sind.
      Widerlegen können wir ihn nur, indem wir seine Saat nicht aufgehen lassen und zusammenstehen.
      Wenn wir das verinnerlichen, ziehen wir die richtigen Schlüsse daraus. Dann ist es am Ende der Attentäter, der uns genau zu Gegenteil dessen bewegt hat, was er uns eigentlich aufzwingen wollte.


      Am Ende möchte ich noch auf einen Artikel verweisen, auf den ich durch die Kommentare einer Zeitung gestoßen bin.
      Ich finde ihn sehr gelungen, denn der Autor kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen, auch wenn ich nicht alle Ansichten teile.

      dushanwegner.com/christchurch-attentat-manifest/
      She is the gold at the end of the rainbow

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sushan ()

    • Hallo Sushan,
      ich bin ebenfalls erschüttert über diese Perversion menschlichen Handelns.
      Allerdings halte ich nicht viel davon dies künstlerisch unter "Prosa&Drama" zu posten, sondern -wenn überhaupt in einem Lyrikforum- unter Politik/Gesellschaft.
      Was kann man daraus lernen, vielleicht, dass der Mensch die ganze Bandbreite von Gut und Böse abdeckt und so für sich und seine Umgebung zum größten Feind werden kann bzw. wird.?
      Was können wir dagegen tun? Ich denke, außer zu trauern, wohl nur mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und für das "Gute" einzutreten.
      LG
      Perry
      PS: Was ich mir für den Attentäter und seine Helfershelfer wünsche, behalte ich lieber in meiner Kammer des Schreckens.
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Hallo Sushan,

      ich habe deinen Artikel nicht gerne gelesen, aber er ist m.E. gut und engagiert geschrieben.

      Denn ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind aus unzähligen Filmen, oder Videospielen konditioniert, die sich in unserer Vorstellung mit Moral und Anstand verbinden, wo sie ein gewisses Bild ergeben.
      Der behavioristische Ansatz der (klassischen) Konditionierung reduziert den Menschen m.E. auf ein allzu mechanisch anmutendes Reiz-Reaktion-Äffchen. Vielleicht wäre eine andere Lerntheorie hier passender. (Das ist lediglich meine Meinung.)
      Wahrscheinlich ist es so oder so problematisch, das Erlernen von Fehlverhalten, unmoralischem Verhalten etc. mit wenigen Zeilen Text zu erklären.

      Denn es ist genau jenes Spalten, auf welches der Täter abzielt und darauf war die gesamte Tat letztlich ausgelegt.
      Ein Streifzug durch diverse Medien, rechts wie links zeigt mir auch, dass seine Berechnungen, zumindest teilweise, aufgegangen sind.
      Widerlegen können wir ihn nur, indem wir seine Saat nicht aufgehen lassen und zusammenstehen.
      Das lese ich als Herzstück deines Artikels. Hier bin ich ganz deiner Meinung. Wir müssen der Versuchung widerstehen, gefallen zu finden, an den zum Popanz verzerrten 'Wahrheiten', den zu Parolen verkümmerten 'Lösungen'. Gefragt sind vielmehr so unspektakuläre Dinge, wie Besonnenheit, Reflexion, eine eigene Meinung etc.
      Dein Gedanke, die Saat des Bösen nicht aufgehen zu lassen, indem wir 'zusammenstehen' spricht mich an und gefällt mir sehr.

      Solange es junge Menschen gibt, die, so wie du, für die Werte der Demokratie, der Humanität, des Miteinanders etc. eintreten, sehe ich Hoffnung für eine menschliche Zukunft - und bleibe vorsichtiger Optimist.
      Sushan, meinen Dank und Respekt für dein Engagement.

      LG
      Berthold
      Ein großes Stück vom kleinen Kuchen -
      mehr ist es nicht wonach wir suchen.
    • Hallo liebe Sushan, erschütternd diese Tat. Erschütternd aber auch wie viele die Einstellung des Verbrechers teilen und sich nur von der letzten Konsequenz distanzieren. Im Gegensatz zu dir bin ich bei Facebook und versuche mit guten Argumenten immer wieder gegen veröffentlichten Hass zu argumentieren. Dafür werde ich dann mit Schimpfwörtern, oder mindestens mit dem Begriff "Gutmensch", soll heißen Idiot, belegt.
      Trotzdem zählt jede Stimme an jedem Ort die aufzeigt das es Menschlichkeit gibt und weiter geben wird, das Menschen menschlich sind und zusammenstehen müssen.
      Ich freue mich das du hier deine Stimme erhebst und danke dir dafür

      Grüße an dich Heinz
      silbern ist mein Haar nicht grau, bin so jung wie ich mich trau !
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