Saumränder

    • Feedback jeder Art

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Heute Nacht war ich wieder dort.
      Draußen, an den fragilen Nahtstellen.
      Brüchig wirken sie mittlerweile und mir ist wieder aufgefallen, wie ausgefranst die Fäden schon wirken.
      Wie oft ich schon dort war, oder wie lange ich noch nach ihr suchen muss, weiß ich nicht.
      Wichtig ist nur das ich mich beeilen muss, denn sie muss inzwischen etliche Träume Vorsprung haben.

      Fiebertraumwetter umgibt mich.
      Meine Lungen brennen von der klebrig schweren Süße des Gelee-Sirup Traumes.
      Jeder Instinkt drängt mich zur Umkehr und mein frierender Körper protestiert.
      Aber ich muss das Haus finden, die winzige Kate, die mein Unterbewusstsein gebaut hat.
      Sie ist mein einziger Schutz hier draußen und steht tapfer am Rand von allem.
      Und genau dazwischen.
      Dort befindet sich auch der Raum, wo das Fenster ist.
      Zu der einen Illusion die ich suche.

      Gerade noch rechtzeitig erreicht, denn ein weiterer Faden ist, mit einem peitschenden Knall gerissen.
      Die Welt draußen wankt drohend, als ich eintrete.
      Der Hausflur ist einschüchternd und knarrt bedrohlich, als würde er flüstern.
      Ich verzichte auf die Unterhaltung und renne los.
      Einige hundert Stockwerke auf oder ab, dass lässt sich nicht genau sagen.
      Namenlose Flüsterflure, zweigen vom Politurglanz Schick des Treppenhauses ab.
      Schon bald habe ich mich im Gewirr der Treppen und Gänge verloren.
      An den Wänden lockt mich das Kabinett aus tausend Mal tausend Spiegeln, ihrer Einladung zu folgen. Oder sie zu zertrümmern.
      Ich möchte beides so gerne tun.
      Wenn ich doch nur einen Hammer hätte.
      Oder mehr Zeit.

      Die Spiegelbilder rasen vorbei. Eine endlose Abfolge.
      Verzerren, karikieren und ich bilde mir ein das sie lachen.
      Sie wissen etwas was ich nicht weiß und wollen mir davon erzählen.
      Der Wunsch zuzuhören ist stark, fast hypnotisch.
      Gezerrt und verzerrt, karikiert und dupliziert, könnte ich selbst bald ein Teil der Trugbilder sein.
      Es wäre so schön, einfach zu entgleiten.
      Doch ich muss los.

      Beobachtet von irgendwem.
      Denn hinter dem Glas lauern gierige Augen auf einen Fehltritt.
      Sie gehören nicht der Witwe, wie mir klar wird, denn diese ist nur eine Botin.
      Der Besitzer der Augen ist viel schlimmer und mächtiger.
      Er muss belustigt sein, von diesen Hamsterrad Träumen und vielleicht war er auch in der großen Wüste, wo ich fast verdurstet wäre.
      Ob die Augen auch in den Scherben meiner Gedanken warten, wenn sie splittern?
      Zeit hat hier keine Bedeutung, aber sie läuft mir davon.
      Lauf weiter, kleine Käsemaus.

      Dann kommt das Holztüren Stockwerk.
      Zu viele davon, es müssen hunderttausende sein.
      Sie gleichen einander bis auf die letzte Kerbe und doch ist keine wie die andere.
      Das Traumholz singt so betörend das mir schwindelig wird.
      Ich möchte in jede eintreten, denn die Stimmen erzählen von Liebe und Zweisamkeit, wildem Sex und Verlangen.
      Aber da ist noch etwas anderes und man muss schon sehr genau hinhören, damit einem die falschen Töne auffallen, die sie manchmal nicht vermeiden können.
      Ahnungen von barbarischen Schlachtfeldern, Hass und grausamen Obszönitäten lassen mich zurücktaumeln.
      Wenn ich das falsche Wann oder Wo öffne bin ich verloren.
      Mein Blut rauscht und der einzig wichtige Gedanke hat Mühe sich an der Oberfläche zu halten:
      Ich muss das Fenster finden.

      Später, wann genau weiß ich nicht, glaube ich die richtige Tür erkannt zu haben und treffe meine Wahl.
      Das Fenster sieht richtig aus, aber was heißt das hier schon?
      Ich habe einen Fehler gemacht.
      Vor mir breitet sich nur irgendeine kalt glasige Albtraumlandschaft aus.
      Das halbtote Zappeln und Zucken ist so bizarr das ich Würgen muss.
      Zurück ins Treppenhaus, weil noch etwas Zeit sein muss und ich sie immer noch spüren kann.
      Wieder Musik, aber es gibt kein Treppenhaus mehr.
      Ich falle …

      Der Aufprall bleibt aus, wie üblich. Nur ein Traum.
      Wild suche ich die Fetzen des schrecklichen Ortes abzustreifen und taste nach der Nachtischlampe, wie nach einer Waffe.
      Das warme Licht schmilzt die Dunkelheit und die letzten Angstreste von mir ab.
      Erleichterung und… Moment, was...?
      Dies ist nicht der Ort von dem ich aufgebrochen bin.
      Und das hier ist auch nicht mein Bett.
      Oh nein..
      In welcher Hölle bin ich gestrandet?
      Wer…?

      Hilf mir!
      She is the gold at the end of the rainbow

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sushan ()

    • Hallo Sushan,
      normalerweise fehlt mir die Zeit, um längere Texte intensiv zu lesen, aber hier habe ich einfach nicht mehr aufhören können den "Saumrändern" deines Traumlabyrinths zu folgen. Ich glaube Fantasie- und Märchenreflexionen zu erkennen ohne sie genau benennen zu können. Das Finale ist durch das Traum im Traumbild sehr gelungen.
      LG
      Perry
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Hallo Sushan,

      ich bin fast ein wenig überrollt von dieser wilden Ansammlung von Bildern und Gefühlen. Stimmungsmäßig fühle ich mich an die eine oder andere geheimnisvolle Fernsehserie aus den 60ern erinnert, die aus den USA oder GB zu uns kamen, die es darauf anlegten, die Zuschauer durch surreale Situationen ein wenig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Vorläufer von Akte X könnte man sagen. Gemeinsame Merkmale: Eine nur scheinbar reale Welt, in der die Naturgesetze nicht mehr galten oder Menschen sich nicht mehr wie gewohnt benahmen, so dass die Folgen des eigenen Handelns nicht mehr abschätzbar waren und sich ungeahnte Gefahren auftaten. Konkrete Beispiele fehlen mir jetzt im Moment, weil ich auch noch ziemlich jung damals war. Aber da könnten ein paar Folgen von "Mit Schirm, Charme und Melone" dazugehören, dann "Nr. 5". Und vielleicht haben es ja auch einige Folgen der "Twilight Zone" bis zu uns geschafft.

      In den Bildern, die die Bedrohung bei dir symbolisieren, meine ich einen gewissen Einfluss von Herrn König zu erkennen, aber man erkennt natürlich gerne, was man selbst schon kennt. Das Monster ist verborgen hinter Glas und wird nicht enthüllt ist so ein Motiv. Die vielen Türen im hohen Gebäude erinnern an den dunklen Turm. Aber das wirst Du selbst besser wissen.

      Spannend.

      Ruedi
    • Perry schrieb:

      .. aber hier habe ich einfach nicht mehr aufhören können den "Saumrändern" deines Traumlabyrinths zu folgen

      Na wenigstens bist Du wieder raus gekommen und bleibst uns erhalten.
      Das Du Dir Zeit genommen hast, ehrt mich sehr. Danke


      Ruedi schrieb:

      meine ich einen gewissen Einfluss von Herrn König zu erkennen

      Den konnte ich einfach nicht heraushalten.
      In der ursprünglichen Version war es eigentlich noch deutlicher. Der erste Satz der Turm Saga ist für mich/uns der gelungenste Einstieg in ein Buch, den ich je gelesen habe und mir auch von allen am meisten in Erinnerung geblieben.
      Den hatte ich anfangs komplett drin: "Der Mann in Schwarz floh durch die Wüste und der Revolvermann folgte ihm...". Die ist dann aber der Kürzung zum Opfer gefallen und es wäre auch zu offensichtlich gewesen.
      So habe ich es bei dem paar Augen belassen, die sicher immer noch vom Balkon des Turms herunter blicken und bei der Wüste.
      Die Türen waren natürlich auch unvermeidlich, weil nun mal in dem Turm alles zusammenläuft. Auch wenn es mir nicht so schien, als wären die Säume ein Teil des Turms.
      Oder sogar in ihm drin. Aber was weiß ich schon.

      Sehr aufmerksam beobachtet.
      She is the gold at the end of the rainbow
    [ Die Gedichte, Geschichten und weiteren Werke, sind geistiges Eigentum der jeweiligen Autoren. ]



    © 2018 Poeten.org - Dichter und Denker Portal - All rights reserved.