Der bescheuerte Osram

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    • Der bescheuerte Osram

      Ist der Standard jener Horizont, an dem wir uns orientieren? Zeigt der Durchschnitt mahnend auf das Individuum, welches dahinter hervorlugt? Sie tauchen den Pinsel in den Lack, um großzügig ihre roten Linien zu ziehen, bis die gesamte Welt in ein rotes Tuch gehüllt ist. Darin verpackt und zugeschnürt, vegetiert Osram langsam vor sich hin. In einem Anfall unsagbarer Dreistigkeit, entschließt er sich, Papier und Bleistift zu verschwenden. Ein letztes Werk im Zustand geistiger Umnachtung sollen seine Finger auf den vergilbten Zettel fesseln. Eine böse Zunge tanzt über den Tisch aus Eichenholz, schnalzt und windet sich. Sie erklärt ihn für unvermögend. Durch ihre feuchte Aussprache ergießen sich Bäche reinen Speichels über das Blatt, seinen Stift und den Tisch.
      „Die Zähne verfault, das Mundwerk lose, jeder Satz purzelt hinaus, über die spröden Lippen. Einige Fragmente bleiben in den Furchen hängen und gebären ein holpriges Gestotter. Buchstaben verheddern sich, bilden verwirrende Knäule, zerbarsten unter dem Druck sich zu ordnen.“
      Wie nach einem Faustschlag ins Gesicht hockt er da. Mit weit aufgerissenem Mund, weit entfernt von dieser Welt. Tropfen für Tropfen verlässt die warme Höhle, klatscht auf seine ersten Notizen und überzieht den Tisch mit einem feuchten Film. Doch verkommt die Peinlichkeit an sich für ihn inzwischen des Öfteren zur Nebensache, indem er zum krönenden Abschluss einer solchen Situation ein gigantisches, alles verdeckendes, mentales Ausrufezeichen dahinter setzt und dabei mit einem kindlichen Lachen, das unangenehme Gefühl anders zu sein, ausradiert.
      Osrams Augen suchen derweil vergeblich nach einem Blatt Papier, dessen Fasern noch keinen Tropfen Flüssigkeit haben spüren müssen. Dabei bleibt sein Blick unverhofft an seinem Gesicht hängen, welches sich des Nachts im Fenster vor ihm spiegelt.
      Diese farblose Erscheinung, so zerbrechlich wie das Glas der Scheibe, lässt ihn für einen Moment innehalten und um das Hochkochen der Emotionen zu unterbinden, vergleicht er in einem Akt völliger Gedankenlosigkeit das flimmernde Licht der Straßenlaterne mit dem schier endlosen Strahlen der Sterne. Ein Träumer, der trotz der Differenzen keinen Unterschied erkennen kann. Doch als die Realität grinsend, mit blankem, erhobenen Messer durch die Tür des Wohnzimmers schleicht und mit einem gezielten, kräftigen Stich, die Kehle des gerade regierenden Traumes zerfetzt, erlangt sie durch das Ausbluten des freiesten aller Gedanken jene Herrschaft, jene Diktatur, die sie seit Anbeginn der Existenz Osrams zu erreichen versuchte. Das Gekreische des Dahinscheidenden packt und zerrt an ihm, bis er durchtränkt von Schweiß und Tränen, zurück in die „wahre Welt“ gerissen wird. Er schlägt die Worte förmlich in das nun auch tränennasse Papier hinein. Seine spitzen Zähne bohren sich in den winzigen Rest des Bleistifts, in der Hoffnung, dieser würde durch die Folter freiwillig die Sätze zu Papier bringen.
      Diese zwanghafte Störung kramt leider auch eine längst verdrängte Erinnerung aus den längst vergessenen, verstaubten Schubladen wieder hervor und zwar den Gedanken an diesen ständigen Leistungsdruck, der so giftig und schwer wie Blei, bereits in der Schule auf seinen Schultern lastete. Dieses Erdrücken, Ersticken der freien Entfaltung ließ ihn damals in einem Kokon zurück, aus dem er sich bis heute offenbar nicht ganz befreien konnte. Letztendlich verlernte er dadurch wortwörtlich ein Kind zu sein.
      Wann nur würde er endlich Frieden mit sich schließen können? Wenn er wie dessen Symbol nur die positiven Erlebnisse der Vergangenheit herauspickt und verschlingt? Oder wenn er sich von jeglicher Zeitform befreit und unabhängig von Konventionen, sowie der Realität erst wahrhaftig zu Leben beginnt? Ist es möglich, dass Traum und Wirklichkeit einen Kompromiss finden werden und der chaotischen Fehde in seinem Kopf ein Ende setzen? Wo sich beide überlappen, soviel ist klar, dort gedeiht der Wahnsinn.
      „Sieh auf zu mir! Im goldgelben Kleid will ich dir gefallen, die Winkel deines Mundes hoch zum blauen Himmel ziehen, auf das auch deine matten Augen durch meine reizvolle Gestalt wieder in altem Glanz erstrahlen. Schau mich an, geborene Frohnatur! Jeder Kern von mir nickt begeisterter dem Leben zu, als all deine Zellen im Kollektiv.“
      Dieser Fluss aus belanglosem Zuspruch, strömt aus dem Munde der prächtigen Sonnenblume, welche ihren festen Platz auf der Fensterbank gefunden hat. Jedes gesprochene Wort zerreißen seine Ohren noch bevor dessen Inhalt überhaupt am festgefahrenen negativen Bild kratzen kann.
      Diese symbolische Ohrfeige kränkt die Blume zutiefst. Sie entledigt sich ihrer Blätter und offenbart verlegen alles, was sonst unter ihrem gelben Kleid verborgen liegt. Unscheinbar wie ein Mauerblümchen und ohne jeden Charme steht sie da. Jedenfalls denkt sie das. Durch die Gleichgültigkeit, welche Osram ihr entgegenbringt, steigt ein längst totgeglaubter, stark verwester Zweifel wieder aus der Erde empor. Ist ungehemmter Frohsinn denn das Laster der Naiven? Waren die Worte, die sie sprach nicht mehr, als hohle, ausgespülte, leere Phrasen, in die sie sich hüllte und in denen sie sich versteckte?
      Waren sie nur eine simple Verkleidung, bei der sie dachte, es wäre eine stählerne Rüstung?
      Ein einziger Spatenstich genügt hier, um den schlafenden Peiniger zu exhumieren. Er beißt sich in den Wurzeln, den Quellen der Kraft fest und zerfetzt diese bis zur Unkenntlichkeit. Mit einem Handschlag empfängt die Realität den Zweifel, mit einem Schulterzucken legen sie den Grundstein ihrer Freundschaft.
      Die verwelkte Pflanze lispelt ein paar unverständliche Worte, bevor sich auch das letzte Blütenblatt löst und dem Boden entgegensegelt. Osram verfolgt es eine Weile, bevor er sich wieder dem Schreiben zuwendet. Als sich Mine und Blatt berühren, richtet sich sein Blick, allerdings ungewollt, auf die halbgeöffnete Schublade zu seiner Linken. Obwohl vollkommen leer, scheint es, als würden Stimmen flüsternd miteinander reden oder kichern. Nicht allein die Hand zittert, während er sie um den Knauf legt, vielmehr ist es der ganze Körper, der krampfhaft versucht zu ergründen, welch grässlicher Dämon in den sonst leblosen Gegenständen seine Heimat gefunden hat. Enttäuscht muss er feststellen, dass sie klemmt und damit weiterhin nur der winzige, pechschwarze Spalt einen Blick ins Innere gewährt. Das Öffnen der Schublade stellt eine Gefahr ungeahnten Ausmaßes, für die an purer Sturheit gefesselten Stimmen dar, sodass sie sich mit brachialer Gewalt dagegen wehren, zum Einen als frei von Mitgefühl bezeichnet zu werden und zum Anderen, ihren Horizont, welcher von allen Seiten durch Eichenholz begrenzt zu sein scheint, erweitern zu müssen.
      Empört ergreifen sie das Wort und erdrosseln, zertrampeln, erschlagen jeden, der Anstalten macht es sich zu borgen. Stumm, gezwungener Maßen, lauscht Osram ihren Tiraden.
      „Wer glücklich ist, der ignoriert meinen Pessimismus.“
      „Wer pessimistisch ist, ist depressiv.“
      „Der Andersartige muss normal werden, auch wenn normal für ihn andersartig ist.“
      „Wer Menschen für verrückt erklärt, kann unmöglich verrückt sein.“
      Mit einem kräftigen Stoß, schließt er die Schublade und wird sie auch nie wieder öffnen.
      Allmählich zieht sich die Schlinge zu. Der schwere Balken über ihm, welcher die gesamte Last der Gebäudes trägt, setzt nunmehr alles daran, auch den als Last für die Bevölkerung geltenden Osram zu tragen. Doch als der Strick bereits fordernd vor sich hin baumelt, ist das Werk schon längst vollendet. Verwirrt durch Osrams Widerstand, bricht der Balken zusammen und reißt das Haus, also auch Tisch und Pflänzchen, mit sich.
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