DIE RADFAHRERIN

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    • DIE RADFAHRERIN

      Vor ein paar Wochen hatte ich nachts gegen vier Uhr zum ersten Mal diesen schrecklichen Traum. Ich ging in einer einsamen Straße spazieren, eine Radfahrerin tauchte plötzlich auf, klingelte kurz vor mir und fuhr dann durch mich hindurch. Dabei erwachte ich schwitzend und keuchend und befühlte meine Arme und Beine, ob ich durch den Vorgang verletzt worden wäre, so realistisch war der Traum.

      Zwei Nächte später wiederholte sich der seltsame Unfall. Es war dieselbe Radfahrerin mit demselben Fahrrad, einem schwarzen Damenrad mit Klingel am Lenker. Wieder schreckte ich aus dem Traum hoch. Dann kam dieser Traum immer wieder. Jetzt konnte ich mir andere Einzelheiten einprägen. Auf dem schwarzen Rad saß eine etwa zwanzig Jahre alte Frau mit mittelblondem Pferdeschwanz. Sie trug Jeans und weiße Turnschuhe und ein grelles rotes T-Shirt mit einer weißen Aufschrift, irgendetwas mit Musik. Das Gesicht des Mädchens hatte ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen.

      Immer wieder träumte ich, dass die Radlerin durch mich wacker marschierenden Fußgänger hindurch fuhr. Dann kam plötzlich Phase zwei der Geschichte.

      Ich ging morgens aus dem Haus und stieg in mein Auto, um ins Büro zu fahren. Dabei kürzte ich jeden Morgen durch eine enge Seitenstraße ab, um dem Berufsverkehr auszuweichen. Und da sah ich plötzlich die Radfahrerin. Sie fuhr vor mir in dieselbe Richtung und bog nach rechts in eine Hofeinfahrt ab. Alles stimmte wie im Traum: Blond, Pferdeschwanz, Jeans und rotes T-Shirt mit weißer Aufschrift. Beinahe wäre ich vor lauter Schreck auf einen vor mir anhaltenden Lkw gefahren, weil ich den Kopf nach ihr gedreht hatte. Ich konnte gerade noch bremsen.

      Am nächsten Morgen fuhr ich wieder durch diese kleine Straße, aber die Radlerin war nicht zu entdecken. Jedoch als ich an diesem Nachmittag den gleichen Weg von der Arbeit nach Hause fuhr, kam sie mir plötzlich in der engen Straße entgegen, klingelte warnend und fuhr voll gegen die Front meines Pkw. Bei einer Vollbremsung schlug ich mir den Kopf an die Seitenscheibe. Ich schien ohnmächtig zu werden, schreckte aber kurz danach hoch. Ich musste nachschauen, ob ihr etwas passiert war. Als ich die Tür öffnen wollte, merkte ich, dass ich in meinem Bett lag.
      Das konnte nie und nimmer sein! Ich weiß genau, dass ich im Büro gewesen war und mit dem Auto nach Hause gefahren bin. Ich starrte auf den Wecker auf dem Nachttisch, er zeigte vier Uhr. Ich stieg hastig aus dem Bett, zog einen Joggig-Anzug über den Pyjama, schnappte mir eine Taschenlampe und ging raus zu meinem Auto. Da stand es im Dunkeln vor dem Haus, ein silberner Toyota, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Ich leuchtete ihn ab, vor allem an der Frontseite. Der Wagen war unversehrt - kein Kratzer, keine Delle, kein Blutfleck!

      Später stieg ich dann wieder in dieses Auto ein und fuhr Richtung Arbeitsstätte. Ich bin extra eine halbe Stunde früher losgefahren. In der engen Seitenstraße stellte ich dann das Fahrzeug an der Stelle ab, wo ich zum ersten Mal die Radlerin in echt gesehen hatte. Ich stieg aus und ging bis zu der Hofeinfahrt, in die das Mädchen zwei Tage zuvor mit ihrem Fahrrad abgebogen war. Ich wartete ewig, aber nichts passierte. Die Frau tauchte nicht auf, und ich kam zu spät ins Büro.

      Ab dem Zeitpunkt beschloss ich, mich wie die vielen anderen Autofahrer morgens und abends im Berufsverkehr durch die Hauptstraßen zu quälen. Die paar Minuten längere Fahrtzeit war mir das wert. Hauptsache, das Mädchen wurde nicht mehr durch mich gefährdet.

      Trotzdem traf sie mich bei Nacht im Traum immer wieder. Und jedesmal erschreckte ich mich und wachte auf.

      Letzten Sonntag fuhr ich mit dem Toyota an den Waldrand, um zu joggen. Als ich ein paar hundert Meter auf einem schmalen Weg getrabt war, klingelte es plötzlich hinter mir. "Gleich wache ich auf," sagte ich mir und lief einfach weiter. Jetzt hörte ich einen Schrei und die Geräusche eines umstürzenden Fahrrads. Ich hielt an und drehte mich vorsichtig um. Ich wunderte mich nicht, als ich das Pferdeschwanzmädchen mit dem roten T-Shirt auf dem Boden liegen sah. Kurz kniff ich mich in die Wange, um zu testen, ob ich wach war.

      "Warum sind sie nicht ausgewichen, sie haben mein Klingeln doch gehört, sie blöder Macker!" schimpfte sie. Sie lag da unter ihrem Rad und macht keine Anstalten aufzustehen. Jetzt konnte ich auch die Aufschrift auf ihrem T-Shirt entziffern. Da stand "Woodstock".

      Langsam hatte ich ein- für allemal genug von der aufdringlichen Tusse. Die T-Shirt-Beflockung brachte mich auf eine Idee. Ich hob einen größeren Ast vom Waldboden auf und schlug damit immer wieder kraftvoll auf den blonden Pferdeschwanz ein. Ihr anfängliches Jammern war bald nicht mehr zu hören. Dann zerrte ich die leblose Frau in ein abseitiges Gebüsch und das schwarze Fahrrad hinterher. Ich deckte ein paar Zweige darüber und setzte danach meinen Lauf fort.

      Nun sollte man doch meinen, dass mich nach diesem Gewaltakt das Gewissen plagen würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Die Radfahrerin tauchte nie wieder in meinen Träumen auf, und ich schlief jede Nacht tief und friedlich. Natürlich schaute ich in nächster Zeit jeden Tag in der Presse nach, ob man im Wald eine Frauenleiche entdeckt hätte, aber das war nie der Fall. Also war es doch tatsächlich wohl ein weiterer Traum gewesen. Und Träume sind ja bekanntlich Schäume, wie der Volksmund zu sagen pflegt. Sie haben nichts mit der Realität zu tun.
    • Ich verfolge Deine Texte ja durchaus. Und lese sie gern, auch wenn ich sie manchmal nicht verstehe.
      Dabei rede ich nicht vom Inhalt. Ab und zu lese ich es und denke "Ja. Und nun?" Das soll aber keinesfalls negative Kritik sein, die sähe anders aus.
      Was ich aber immer habe: Ich lese eine positiven und fröhlichen Grundtenor heraus. Und eine sehr nette Melodie.
      Das hier hat mir bisher von allen am besten gefallen und ich fand es richtig gut. Etwas morbide, aber gleichzeitig sympathisch schön. Besinnliches, mit einem Schuss Ernsthaftigkeit rundete die Sache ab.
      Genau wie Dein Text über den Vampir. Den fand ich auch irgendwie ansprechend.

      Ich lasse Dir mal ein Abo da und hoffe, Du erfreust mich weiter, mit Deinen Gedanken und dem erfrischenden Stil.
      Gut Nacht!
      She is the gold at the end of the rainbow
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