WECHSELBASS

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    • Ein riesengroßes und bejahrtes Cadillac-Cabrio schlich durchunser Wohngebiet. Es war ganz in himmelblau lackiert. Drin saß einMann mit einem ausladenden Cowboyhut. Aus dem Auto dröhnte lauteCountry-Musik, einfache 3-Akkord-Lieder mit aufdringlichem2-Ton-Wechselbass. Als der Wagen in die Nähe von unserem Haus kam,fingen meine Fenster an zu klirren.

      Ich schnappte mireinen Apfel vom Wohnzimmertisch, riss die Balkontür auf und warf dasObststück mit voller Wucht Richtung Lärmquelle. Der Apfel traf vollden Cowboyhut. Der dicke Schlitten wurde nun noch langsamer, scharrteam Rinnstein entlang und blieb vor dem Nachbarhaus stehen. DerCowboyhut war dem Fahrer vom Kopf gefallen. Das Gesicht des Mannessenkte sich aufs Lenkrad, blieb dort liegen und verursachte einenDauer-Hup-Ton. Der Wechselbass wummerte unaufhaltsam weiter.

      Nunsah ich, dass hinter dem Ohr des Fahrers Blut hervorrann. Ich prüftemit einen Blick meinen Wohnzimmertisch. Hatte ich aus Versehen dasObstmesser mitgeworfen? Nein, da lag es friedlich im Obstkorb.Merkwürdig - ich schloss die Balkontür und setzte mich aufs Sofa.Der penetrante Wechselbass war trotzdem zu hören, außerdemweiterhin die Hupe des Cadillac.

      Nun mischte sich einweiteres Geräusch zu den beiden anderen, das dem Wechselbassziemlich ähnlich schien, nur ein paar Oktaven höher. Es war einePolizeisirene.

      Ich rang kurz mit mir, dann gewann meinschlechtes Gewissen die Oberhand. Ich verließ die Wohung und gingvor das Haus. Das Hupen hatte aufgehört.

      Hinter demhimmelblauen Cabrio stand nun ein dunkelblau-silberner Streifenwagen.Ein junger Polizist hatte den Kopf des Cadillacfahrers vom Lenkradgezogen. Ein weiterer Uniformierter stand an der geöffneten Tür desFunkwagens und setzte gerade lauthals eine Meldung ab.

      "Ja,Tod durch Schuss in den Hinterkopf. Wir brauchen die Spurensicherungund die Mordkommission."

      Ich schlenderte zum Cadillacund suchte nach meinem Apfel. Weit und breit nichts zu sehen. Nur derWechselbass dröhnte immer noch. Offenbar fand der junge Polizist denAusschaltknopf am Radio nicht.

      Der Einschussstelle nachmusste die Kugel aus unserem Haus abgefeuert worden sein. Ich ging imGeiste alle Nachbarn durch und fragte mich, wer so gehässig seinkonnte, am hellichten Tag wegen so einem bisschen Lärm eine Knarreauf einen Autofahrer abzurotzen.

      "Bitte treten sievom Fahrzeug zurück. Haben sie irgendetwas mitbekommen, wie sich dieSache ereignet hat?" schrie der junge Polizist. Er war kaum zuverstehen.

      Ich schüttelte angewidert meine lange Mähneund ging zu meinem Wohnhaus zurück. Dort las ich nochmals alle Namenan der Hausklingel durch. Martin, der stand auf Klassik, Herbert warSchlagerfan, Gerda hörte nur Popmusik, Max Aggro-Rap und ichnatürlich Hardrock. Jeder, aber wirklich jeder im Haus hassteCountrymusik. Da hatte die Kripo wohl ein hartes Stück Arbeit vorsich, um den Fall aufzuklären.

      Ich schloss die Haustürund stieg die zwei Treppen bis zu meiner Wohnung hoch. Dabeibegleitete mich unaufhörlich dieser nervig stupide2-Ton-Wechselbass.
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