Der Mantel

    • Kritik erwünscht

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    • Als ein letztes Lächeln über ihre Lippen huscht und sich der dunkle Mantel schwarzer Federn schwerfällig auf die gebrechliche Dame herabsenkt, um es einzufangen und somit auf ewig dort zu bannen, ist ihm die List beinah gelungen.
      Der Tod sei erst der Anfang, schreit verzweifelt jedes Kind. Obwohl in der Blüte des Lebens stehend, klopft bereits grinsend das verwelkte Pflänzchen an den Schädel. Doch eine Renaissance erfährt man keineswegs. Weder durch das Schlurfen in das vielzitierte weiße Licht am Ende des angeblich so bunten Flurs, noch durch das beschwerliche Erklimmen der steinernen Stufen zur Himmelspforte. Denn auch im Reich der Körperlosen, wo einzig der Geist ziellos umherwandert, gelangt man nicht ohne weiteres ins Paradies. Gehört man zu der falschen Klasse Mensch, so ist der Tod ein Anschluss an das irdische Leben. Die alte Frau, deren seligster Wunsch nach 88 Jahren ohne Erfüllung lediglich die ewige Ruhe ist, steht nun vor verschlossenen Türen.
      „Nichts ist umsonst“, krächzt der Rabe auf dem rostigen Tor. Der Verwalter ihres Himmels kündigt den Vertrag, den sie glaubte vor langer Zeit geschlossen zu haben. Das Krächzen, welches seine Stimme darstellen soll, verhöhnt die alte Dame, ohne das sie verstehen kann warum. Auch der Rabe versteht nichts. Er ist blind durch sein Weltbild und taub durch blinden Gehorsam.
      Die Dame ächzt, der Rabe krächzt und verschlossen bleibt das Tor zu einem besseren Leben nach dem Tod. Wer schon auf Erden unten war, der gelangt auch hier im Himmel nicht nach oben und wer die Raben einmal füttern musste, wird sie nie mehr los. Dem Häufchen Elend bleibt nichts weiter übrig, als sich ihr Federkleid überzustülpen und den Selbstwert darunter zu begraben. Nicht von Maden, sondern von Zweifel zerfressen, nach der Bestattung bei lebendigem Leibe.
      Wo der Tod einst als letzter Ausweg galt, so ist man nun vor den Toren des Paradieses dazu gezwungen all die Repressalien über sich ergehen zu lassen und ohne Chance sich selbst den Tod nehmen zu können, verwest man durch den unstillbaren Hunger der Raben auch noch seelenruhig im Geiste. Mit kalten Händen schaufelt sich die Dame hier ihr eigenes Grab. Der Übermacht der Raben erlegen, ritzt sie mit den Fingernägeln ihren Namen in den Stein und der listige Rabe lächelt, wie es die Frau auf dem Sterbebett, dank seines schwarzen Federmantels tut.
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