Der Kretin

    • Textarbeit

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    • Der Kretin

      Ein Einzelkind, die Eltern tot,
      Gesicht entstellt, die Haare rot.
      Sie haben ihm das Leben zur Hölle gemacht,
      ihn getäuscht, benutzt, verhöhnt und verlacht.

      Er liebte unseren Fußballverein,
      hier war er gern, wollte unbeschwert sein.
      Er verkaufte für uns Bratwurst und Bier,
      die Einnahmen, ja die versoffen wir.

      Er war verlässlich in dem, was er an Diensten für uns tat,
      obwohl man ihn häufig mit übelsten Worten trat und trat.
      Er weinte oft in seinem Einzimmer-Loch,
      er hoffte, was Besseres findet sich noch.

      Er schämte sich, wenn er in Mülleimern wühlte,
      und nach Essbarem und nach Pfandflaschen fühlte.
      Er rannte davon, wenn man ihn dabei sah:
      Was suchte er wohl? Dieser fette Kretin.

      Wieder hatten sie ihm entsetzlich zugesetzt,
      ihn provoziert, beschmiert, seine Würde verletzt.
      Er verschwand: Gedemütigt, verzweifelt und gekränkt
      und hat sich am Abend mit seinem Gürtel erhängt.

      Schrecklich, was sich uns da am nächsten Tag bot,
      auf unserem Fußballplatz fand er den Tod.
      So haben wir ihn zu Grabe getragen,
      auch die, die ihn auf dem Gewissen haben.

      Martin Heide

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Martin Heide () aus folgendem Grund: Strophen storniert

    • Hallo Martin,
      wer kennt sie nicht Geschichten vom Schulhof etc. Arik Brauer sang in einem Lied "Rostiger, die Feuerwehr kommt."
      Konstruktiv würde ich den Part mit dem "Lackschuh-Träger" weglassen, denn das ist eine neue und andere Baustelle.
      Für mich wäre die 6. Strophe der beste Abschluss.
      LG
      Perry
      PS: ... fand er den Tod
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Hallo Freienweide,
      mal wieder eine typische Fehleinschätzung von Dir. Solche arme und benachteiligte Menschen sind doch kein Abschaum, außer man hat ein gestörtes Gesellschaftsbild. Wenn, dann ist der Ärmste höchstens ein "Prügelknabe."
      LG
      Perry
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Freienweide,

      ich habe den Text geschrieben und für mich ist kein Mensch ein Kretin oder ein "Du Opfer", selbst der nicht, der andere Menschen
      dessen bezichtigt. Zudem wird der Begriff "Abschaum" für eine Gruppe von Menschen benutzt und nicht für das einzelne Individuum.
      Aber es gibt für mich auch keine Gruppe von Menschen, die Abschaum sind.

      Darüber hinaus war der Kretin in meiner Erzählung, für mich kein Kretin. Er wurde dazu gemacht und das war bitter und ist jetzt bitter,
      weil die "Abschaum-Rufenden" hoffähig gemacht werden.

      Kreative Grüße
      Martin
    • Hallo Martin,

      ich finde den Titel Kretin schon in Ordnung, habe aber auch darüber nachgedacht, ob ich dir noch etwas passenderes vorschlagen könnte. Ich verstehe deinen Text ganz klar als Tragödie über einen Außenseiter. Ich denke es hängt jetzt daran, ob Du im Titel bereits auf die Ursache für das Außenseitertum eingehen willst, dann kannst Du "Kretin" lassen. Ggf. wäre zur Verschärfung noch "Fetter Kretin" denkbar. Oder "Der Depp". Oder ob Du im Titel zunächst mal nur die Außenseiterposition an sich betonen willst. Dann wäre "Der Außenseiter" denkbar, oder "Draussen" oder "Am Rand". Nach Abschaum sieht er für mich nicht aus. Abschaum sind für mich bösartige Menschen (wodurch auch immer bösartig geworden) unabhängig von sozialer Position und das scheint er nicht zu sein.

      Was mir an der Geschichte, die mich berührt hat, noch auffiel: Der (junge?) Mann in der Geschichte hatte sicher kein leichtes Leben. Niedrige Intelligenz, evtl. kein Abschluss, keine Ausbildung, daraus resultierend Hilfsarbeiter oder Hartz IV. Geldmangel, nicht mal kleiner Luxus, schon gar kein Urlaub, Pfandflaschensucher, Wühlen in Mülltonnen. Schrecklich. Dazu noch ein unattraktives Äußeres.

      Auf der anderen Seite hatte er eine Einbindung in diesen Fussballverein. Er war nicht völlig alleine. Er war irgendwo auch "drin", "dabei".

      Jetzt frage ich mich: Wer hat ihm so übel zugesetzt? Die Vereinsmitglieder? Alle? Dann müssten diejenigen sich mächtig schämen. Und die Leitenden im Verein , die nicht eingeschritten sind, noch mehr. Oder waren es Außenstehende? Warum fand er dann nicht genug emotionales "Gegengewicht" im Verein? War der Verein wirklich seine einzige menschliche und soziale Einbettung? Hatte er noch Verwandte außer den fehlenden Eltern und Geschwistern? Diese Fragen muss man sich zurecht stellen.

      In deinem Text machst Du ihn zu einem wehrlosen Opfer. Wird ihm das gerecht? Diejenigen, die ihn beschimpften, ausgrenzten, verspotteten sind die allein Schuldigen an seinem Schicksal. Stimmt das so in dieser Schwarz-Weiss-Zeichnung? Inwieweit war sein Ende eine eigene Entscheidung, eine tragische, traurige Entscheidung, aber seine Entscheidung? Würde er es mögen, als in den Tod getriebenes Opfer dargestellt zu werden (falls es ihn real gab)? Das könnte man auch lesen als "Er war dumm und hilflos wie ein Kind". Würde er diese Einschätzung seiner Person teilen?

      Wie Du siehst lässt der Text viele Fragen offen, was ja bei einer so kurzen Form auch so sein muss. Das ist keine Kritik. Die Frage, die nur Du beantworten kannst: Bist Du dem "Kretin" und seiner Tragödie gerecht geworden oder wolltest Du ein Rührstück verfassen?

      Ich hoffe, Du kannst mit meinen Gedanken etwas anfangen.

      LG

      Ruedi
    • Hallo Ruedi,

      Du hast Dir hinsichtlich meines Beitrages echt (ehrliche) Mühe gemacht, das imponiert mir. Vielen Dank dafür.

      Der Kretin hat einen Namen: Pitter. Ich war 18 und wurde als Nachwuchsspieler in die 1. Fußball-Mannschaft aufgenommen. Pitter war zu diesem Zeitpunkt Betreuer des Teams. Ich kannte Pitter schon länger. Er war lange Zeit Betreuer bei den Jugendmannschaften des Vereins. Dort hatte er ein ganz anderes Standing: Niemand machte sich hier über ihn lustig. Ich weiß nicht, was Pitter geritten hat, Betreuer im Senioren-Bereich zu werden. Ich vermute aber es war so etwas wie "Bewunderung für Erfolg." Die erste Mannschaft war erfolgreich: Ein gewachsener, verschworener Haufen, zwei mal hintereinander aufgestiegen und der dritte Aufstieg war das nächste Ziel.

      Eigentlich stießen Pitter und ich nahezu gleichzeitig zur "Erfolgsmannschaft." Wir kannten uns. Bei Auswärtsspielen fuhr er ausschließlich bei mir mit.
      Das Hänseln seiner Person begann "schleichend." Es waren einige Spieler (4-5) aus der Mannschaft, die ihm zusetzten - wie eine Virus-Erkrankung mit
      langer Inkubationszeit und dem Versterben am Ende. Pitter war nicht im Stande sich zu wehren. Wenn er es tat, wurde ihm noch mehr zugesetzt.
      Was ich hier schildere spielte sich zudem nicht auf offener Bühne ab. Ich habe wahr genommen, dass ihm zugesetzt wurde, doch ich wusste nicht,
      wie schlimm das wirklich für ihn war. Das wusste nur Pitter selbst. Wenn Pitter im Jugendbereich geblieben wäre, hätte sich diese Tragödie nicht ereignet. Das war als 18 jähriger schon damals meine Erklärung und das ist jetzt sogar meine Überzeugung. Pitter traf leider auf junge Männer,
      die sich maßlos überschätzten - Größenwahn. Das wurde ihm zum Verhängnis. Eine Ahnung, wie furchtbar ihm seine Peiniger wirklich zugesetzt hatten, verriet mir nicht der Gürtel um Pitters Hals, sondern das "Was-habe-ich-nur-gemacht-Weinen" der jungen Herren, die sich für die Größten hielten und an Pitters Grab merkten, was sie damit angerichtet hatten.

      Diese Strophen lies ich weg:

      Zum ersten Mal sah ich, wie Männer bitterlich weinten.
      Sie, die ihre Arroganz, ihre Schuld jetzt beweinten.
      Sie schrien: "Das haben wir doch nicht gewollt
      und flehten, dass er den Ball wieder rollt.

      Eines blieb mir seither tief verinnerlicht:
      Mich selbst überschätzen, das werde ich nicht.
      Verschmähung erfordert Widerstand
      zum Schutz von Würde, Sinn und Verstand.

      Nach längerer Überlegung kam ich zum dem Schluss, diese Strophen weg zu lassen. Ich dachte, es ist gut mein Gedicht nicht zu überfrachten.

      Ruedi,

      kreative Grüße
      Martin
    • Hallo Martin,

      danke für die Geschichte, so traurig sie auch ist.

      Klingt für mich aber nicht so, als sei Pitter so, wie ich ihn mir aufgrund deines Gedichts vorgestellt habe (jung, fett, leicht behindert), sondern wie ein gestandener Mann, der sich etwas zugetraut hat und dem etwas zugetraut wurde. Sonst hätte er wohl kaum diese Betreuerfunktion übertragen bekommen.
      Umso wichtiger, ihm in seiner Tragik den Entschluss als sein Eigen zu lassen.

      LG

      Ruedi
    • Als Pitter sich erhängte, war er 27. Er war leider kein gestandener Mann. Seine Sprache, er lispelte so sehr, dass er immer berechtigte Angst haben musste, deswegen gehänselt zu werden. Ein gestandener Mann würde sich wehren. Darin (komplett) zu versagen, hat anderen Tür und Tor geöffnet,
      ihn vorzuführen. Wie grausam ihm zugesetzt wurde, an dem Tag, an dem er sich erhängte, habe ich nicht erzählt. Das wäre eine Kurzgeschichte.

      Kreative Grüße
      Martin
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