Bipolar F31.9

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      Bipolar F31.9

      Berauscht vom zarten Grün der Wiesen und der weichen Blätter an den Bäumen,
      erwachten ihm die Sinne und brachten seine Kraft zum Überschäumen.
      Sein Verstand rief laut nach Rebellion und im Herz pochte Revolution.
      Jeder Stein wurde von ihm umgedreht - Erneuerung hieß nun sein Pamphlet.
      Das Licht des Frühlings nährte ihn, es wirkte fast wie Kokain.
      Unbändig war sein Wille, vorbei war alle Stille.
      Schöpferkraft brach aus ihm heraus, es gab nur eine Richtung: Volldampf geradeaus.
      Risiken, die gab es nicht, und sein Elan kannte keine Vorsicht.
      Und ob er seine Laute zupfte, oder ob er sich mit der Feder auf`s Papier hin traute,
      oder ob er mit dem Pinsel an der Leinwand malte:
      Sein Feuer fraß ihm aus der Hand und verbrannte jeden Angstzustand.

      Wenn ihm die See golden in die Augen schien,
      blieb er fast auf jeder Düne steh`n
      und sah so manches Schiff vorüberzieh`n.
      Im kühlen, nassen Sand hinterließ er Spuren,
      barfuß durch die Gischt und Rauschen in den Ohren.
      In vielen Sommern tauchte er am Meer in warme Wetterzonen ein,
      rote Sonnen, milde Winde hielten seine Seelen-Nöte winzig klein.
      Narben von Nackenschlägen, Stiefeltritten und Lackschuh-Trägern in Gamaschen,
      hatte ihm das Salz der See längst aus dem Gesicht gewaschen.
      Wie Phönix aus der Asche stieg er empor mit Kraft und vollem Mut,
      war er sich seines Selbst bewusst in des Sommers Glut.

      Wenn im Herbst die Nebelschwaden über`s Land herzogen,
      lieh er sich so manches Ohr, das achtsam war und wohl erzogen.
      Traurigkeit machte sich dann in ihm breit, so breit,
      denn graues Licht, kurze Tage, Regen und die schweren Mäntel,
      waren nun die Wirklichkeit, verflogen alle Leichtigkeit.
      Er wurde müde, wollte meistens nur noch schlafen,
      gut versteckt, geschützt in seinem Heimathafen.
      Doch der Geruch von fast vergess`ner, alter Angst,
      von Hass und Ekel, trieb ihm nun der Nebel zu.
      Warum das alles und wozu, fragte er sich immerzu.
      Wenn die Fenster-Rollos in der Dämm`rung fielen, saß er in seinem Käfig ein
      und durchlebte bis zum Morgen, schlaflos manche Seelen-Pein.

      Schwere Träume plagten ihn im Winterschlaf,
      stets ging es um`s Überleben und um Angst, die ihn dazu traf.
      Sie saß so tief und fest, als hätt` sie mehr als tausend Wurzelballen,
      er schrie im Schlaf, im Halbschlaf - auch im Wachen, sah er sich tief nach unten fallen.
      Viele Nächte lag er wach, die Furcht vorm Schlafen und dem Träumen,
      machten ihn sehr schwach.
      Er sprach nicht über das, was sich in ihm an Bildern an ihm rächte.
      Er fand dafür die Worte nicht, zu grausam waren diese Mächte.
      Er aß nicht, trank viel zu wenig, nichts brachte ihn zu Kräften,
      nur seine Körper-Hülle, konnte man an eine Türe heften.
      Wie ein Kalender, der nur da hängt, den niemand braucht, der keinen Eintrag kennt,
      den, jeder übersieht, und sich in keinen Alltag drängt, als gehörte er längst abgehängt.

      Martin Heide

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Martin Heide ()

    • Hallo Martin,
      sehr eindrucksvoll und berührend wie Du hier das Leben eines Menschen mit bipolarer Störung beschreibst.
      Dazu braucht man vermutlich viel Insiderwissen.
      Einzige Anmerkung: Was hat das Bild "Lackschuh- Trägern in Gamaschen" zu bedeuten.
      Schuld oder Hilfe müssten hier sicher subtiler diskutiert werden.
      LG
      Perry
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Hallo Perry,

      überliefert ist der Lackschuh-Träger ein Mensch, der wohlhabend ist und sich für etwas Besseres hält. Die Gamaschen trug jemand, der sich durch Gaunereien, Einfluss und Macht verschaffte.

      Ich bin vor vielen Jahren durch die Vereinschronik des TSV Fortuna Düsseldorf 1895 e.V. auf den Lackschuh-Träger gestoßen. Ich bin in Düsseldorf aufgewachsen, habe dort Fußball gespielt und bin seit vielen Jahren Vereinsmitglied.

      Der Fußballverein war im Stadtteil Düsseldorf-Flingern beheimatet, dort war die Schwerindustrie und in den Siedlungen wohnten die Arbeiter. Folglich spielte ein Teil diese Arbeiter Fußball bei Fortuna. Der Verein wurde nach und nach durch Erfolge ein angesehener Club im Westen. Das führte dazu, dass auch Fußballer aus wohlhabenden Kreisen die Fußballschuhe bei der Fortuna schnürten.

      Das blieb im "Arbeiter-Volk" nicht unbemerkt, weil die Herren aus guten Kreisen tatsächlich mit Lackschuhen zum Training oder zu den Meisterschaftsspielen erschienen. Jede konnte es beim Umkleiden in den Kabinen sehen, natürlich auch, wenn die Herren an- und wieder abreisten.

      Die "Lackschuh-Träger" wurden vom "Volk" misstrauisch und ablehnend beäugt, denn sie waren Fremde, die den Verein ausnutzten, um persönlich Kariere zu machen. Lackschuhe konnte sich im Arbeiter-Viertel Düsseldorf-Flingern niemand auch nur annähernd leisten. Lackschuhe zeigten also den sozialen Status, den jemand hatte, wenn er sie trug.

      In meinem Leben gab es einen sehr üblen Lackschuh-Träger, den ich wegen unschöner Geschehnisse nie vergessen werde.
      Aber ich glaube, über diesen Herrn schreibe ich ein Gedicht.

      Bipolar F31.9 , das hast Du sofort erkannt Perry, ist auch mit Insiderwissen entstanden. Stimmt - ich bin Betroffener.

      Ein so langes Gedicht geschrieben zu haben, ohne das Du dazu Verbesserungen gefunden hast, macht mich doch ein bisschen stolz. Es kann also so schlecht nicht sein. Danke für Deine Worte Perry.

      Beste herzliche Grüße
      Martin

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Martin Heide ()

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