Das Mädchen in dir

    • Das Mädchen in dir

      Das Mädchen in dir

      vermengt
      seine Düstererziehung
      mit Versen der Weite geschrieben

      lebst -
      eine Hand in den Sternen
      die andere vor dem Gesicht

      (2009) Für Insomina
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Liebe Jack,
      das gefällt mir ausserordentlich gut.
      Ich kann dazu sagen, ein kleines Kind ist machtlos dem ergeben, was an ihn herangetragen wird in jeglicher Form . Es kann noch nicht klar sehen was gut oder schlecht ist. In Fällen von Gewalt und Missbrauch ist es zeitlebens geschädigt. Weil ein gesundes Grundvertrauen nicht aufgebaut werden konnte und sein Leben meist aus seinen ersten Erfahrungen gelebt oder erlitten wird.

      Alles Liebe

      Karlo
      © Karl-Heinz Hübner
      Alle Rechte vorbehalten,besonders das Recht auf Vervielfältigung und Verbreitung,sowie
      Übersetzung.Kein Teil des Textes darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder verarbeitet werden!
    • So ist es leider, lieber Karlo.

      Und es gibt eine typische Handbewegung - ein Arm wird hilflos vor das Gedicht gehalten - der, bei vermeintlicher Gefahr, bis zum Rest des Lebens beibehalten wird.
      Und du hast vollkommen Recht: Das Fehlen des Grundvertrauens macht spätere Beziehungen fast aussichtlos. Oft werden solche "gesucht", die Gewalterfahrungen rekapitulieren ...

      Vielen Dank für deinen Kommentar und einen lieben Gruß
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Hallo Jack,

      deine Verse sind ernst, kurz und pointiert; sie machen mich nachdenklich.

      Die Überschrift lese ich als einen Verweis auf die Vergangenheit bzw. auf die Kindheit des lyrischen Es/Sie/Du.
      Das Wort 'Düstererziehung' finde ich treffend und sehr gelungen. Auch ohne weitere Details, kann ich mir als Leser nun ein (subjektiv gefärbtes) Bild von der Kindheit des LI machen.

      Die permanent widerstreitenden Gefühle in der Seele des LI hast du auf ein starkes Bild reduziert. Sehr überzeugend, wie ich finde.

      Meine Fragen (die du gerne als 'Schülerfragen' betrachten kannst):
      - Wieso hast du das Verb 'vermengen' für das 'Schreiben gegen die Düsternis' gewählt?
      - Wieso änderst du die Perspektive von 'es/sie' (das Mädchen / vermengt) zu 'du' (lebst)?

      Jack, ich meine, du hast hier ein sehr eindrückliches und überzeugendes Werk verfasst.
      Gern gelesen.

      LG
      Berthold
      Ein großes Stück vom kleinen Kuchen -
      mehr ist es nicht wonach wir suchen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Berthold ()

    • Lieber Berthold,

      gern werde ich versuchen auf deine Fragen zu antworten:

      Das Mädchen kann seine Erziehung und die Erfahrungen der Kindheit nicht ablegen wie einen ausgeleierten Strumpf. Leider! Sie werden für immer Teil von ihm sein, auch als Heranwachsende. Und sie gehen in das kreative Schaffen der erwachsenen Frau ein. Selbst mit reifende Erkenntnis und zunehmendem Selbstbewusstsein existiert das furchtsame Kind.

      Insofern findet ein Perspektivenwechsel nicht wirklich statt. - Es kann sich entweder um ein (Selbst-) Gespräch mit dem inneren Kind oder um Überlegungen zu einer anderen Person handeln, die auf diese Weise zwiegespalten wahrgenommen wird.

      Übrigens ist solch ein vermeintlicher Perspektivenwechsel ein beliebtes Stilmittel, um eine schizoide Situation angemessen darzustellen. Und er bringt zusätzlich Spannung in einen Text, denn der Leser wird quasi zum Innehalten und Nachdenken "gezwungen."

      Auf deine Fragen zu antworten, hat mir ausgesprochen Freude gemacht, :)
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Hallo Jack,

      Dankeschön für deine Antwort.


      Es kann sich entweder um ein (Selbst-) Gespräch mit dem inneren Kind oder um Überlegungen zu einer anderen Person handeln, die auf diese Weise zwiegespalten wahrgenommen wird.
      [Jack]


      Ich wähle 'Überlegungen zu einer anderen Person'. - Diese Perspektive ist für mich deutlich leichter nachvollziehbar.
      Die 'Selbstgespräche mit dem inneren Kind', zuerst in der dritten Person, dann, abrupt wechselnd, im vertraulicheren 'du' fortgeführt … erzeugen bei meinem Versuch all das logisch zu erfassen mehr als 'Spannung'. Ähnliche Temperaturen erreichen meine Synapsen nur noch, wenn ich in Filmen wie 'Terminator' oder '12 Monkeys' versuche, sämtliche Zeitensprünge genau nachzuvollziehen.
      (Bitte mit einem Augenzwinkern lesen.)

      Aber ich weiß jetzt, warum du die Perspektive gewechselt hast; und das freut mich.

      LG
      Berthold
      Ein großes Stück vom kleinen Kuchen -
      mehr ist es nicht wonach wir suchen.
    • Hallo Jack,

      ich habe zwar kein Mädchen in mir, denke aber dass es einem Jungen mit "Düstererziehung" ähnlich ergehen würde.

      Jackpot schrieb:

      Insofern findet ein Perspektivenwechsel nicht wirklich statt. - Es kann sich entweder um ein (Selbst-) Gespräch mit dem inneren Kind oder um Überlegungen zu einer anderen Person handeln, die auf diese Weise zwiegespalten wahrgenommen wird.

      Übrigens ist solch ein vermeintlicher Perspektivenwechsel ein beliebtes Stilmittel, um eine schizoide Situation angemessen darzustellen. Und er bringt zusätzlich Spannung in einen Text, denn der Leser wird quasi zum Innehalten und Nachdenken "gezwungen."
      Ein vermeintlicher Perspektivenwechsel als Darstellung einer schizoiden Situation kann Spannung erzeugen, hier ist aber die Schilderung (Düstererziehung) für mich zu vage, um eine solche zu vermuten. Beim mir hat das "lebst" deshalb eher Fragen als Antworten hervorgerufen. Ich habe deshalb "es lebt" gelesen.

      Insgesamt ein nachdenklich machender Text, mit dem ich mich gern auseinander gesetzt habe.

      LG
      Perry
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Liebe Jack,

      die obigen Kommentare beinhalten schon alles und somit kann dem nichts neues hinzufügen. Nur soviel:

      Als ich eben deine sehr prägnanten Worte las, musste ich unwillkürlich an meinen Vater denken.

      Er wurde kurz nach dem Ende des Kaiserreichs geboren, von einer Frau die, die wilhelminische Erziehung "genossen" hat und glaube ich, wenn ich an die Verschlossenheit meines Vaters denke, an ihn weitergegeben hat. All das zog sich natürlich wie ein roter Faden durch sein Leben und er überließ die Erziehung seiner Kinder komplett unserer Mutter die sehr modern war und uns zu selbstbewußten Menschen erzog, was je nach Charakter meiner Geschwister mehr oder weniger gut gelang.

      Als Kind belastete mich Vaters Schweigen sehr, als junge Frau begann ich ihn zu verstehen.

      Jahrzehnte später erzählte mit meine deutlich ältere Schwester mehr von Oma und stürzte sie damit von dem Thron auf dem sie in meinen Augen saß, denn zu uns jüngeren Kindern war sie ganz anders.

      Leider werden eigene Erfahrungen fast immer an die nächste Generation weiter gegeben, auch unbewußt, obwohl man sich vorgenommen hat alles besser zu machen.

      LG Luise

      Nachsatz: Ich habe meine Kinder nach der Lehre der Maria Montessori erzogen. Ihr Leitsatz ist: "Hilf mir es selbst zu tun"
      Immer den Kopf hoch und lächeln
    • Perry schrieb:

      Ein vermeintlicher Perspektivenwechsel als Darstellung einer schizoiden Situation kann Spannung erzeugen, hier ist aber die Schilderung (Düstererziehung) für mich zu vage, um eine solche zu vermuten. Beim mir hat das "lebst" deshalb eher Fragen als Antworten hervorgerufen. Ich habe deshalb "es lebt" gelesen.

      Insgesamt ein nachdenklich machender Text, mit dem ich mich gern auseinander gesetzt habe.

      LG
      Perry
      Hallo Perry,

      ich finde es gut, dass du den Charakter des Gedichts als "vage" kennzeichnest. Denn das wollte ich erreichen. :)
      Jenes steht mir für die Scham, die Opfer einer gewalttätigen Erziehung meist empfinden.
      Das "lebst" steht für: du "hast halbwegs überlebt" (eine Hand in den Sternen, die andere vor dem Gesicht).
      Danke, dass du dich mit diesem spröden Text auseinandergesetzt und dein Augenmerk auf das "Leben" focussiert hast.

      Herzlichen Gruß
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Luise Maus schrieb:

      LG Luise

      Nachsatz: Ich habe meine Kinder nach der Lehre der Maria Montessori erzogen. Ihr Leitsatz ist: "Hilf mir es selbst zu tun"
      Liebe Luise,

      es stimmt, dass sich die Erziehungsfehler der Eltern / Großeltern etc. manifestieren, so kann es leicht passieren, dass das ehemalige Opfer zum Täter wird (und umgekehrt). -
      Montessori-Kndergärten und Schulen gehören mit Sicherheit zu den besten, die es überhaupt gibt. Denn deren vorbildliches Erziehungsmodell ist auf das Selbstbewusstsein des Kindes und auf dessen individuelle Möglichkeiten gerichtet.
      Selbst-Vertrauen ist nötiger denn je - gerade in einer Welt zunehmender Arbeitsverdichtung, der Informationsvielfalt und des rasanten Forschreitens der Digitalisierung. Es freut mich zu hören, dass du dieser Pädagogik zugewandt bist.

      Dir selber scheint es, gottlob, nicht an Selbstvertrauen zu fehlen: Wer sich auf Rennpisten wagt, muss einfach reichlich davon haben ... :thumbup:

      Vielen Dank für deinen interessanten Kommentar

      und einen herzlichen Gruß
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Richtig Jack,
      mir wurde das Erziehungsmodell schon vor über 40Jahren während meiner Schulzeit vorgestellt und half mir sehr meine Tochter, die ich recht jung bekam, zu erziehen. Eintichtungen, die nach dieser Sichtweise erzogen gab es natürlich noch nicht. Meinen Sohn gab ich vor 24Jahre in die Obhut eines solchen Kindergartens, es war der erste in meiner Region.

      LG Luise
      Immer den Kopf hoch und lächeln
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