Wieder eine Nacht - ein Haiku -

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    • Wilde Rose schrieb:

      Sehr geheimnisvoll,
      dunkel und still hockt die Nacht
      draußen vor'm Fenster.
      Na gut,

      du weltenbummelnde Wildrose, du hast es nicht anders gewollt:
      Ein Haiku isses bei dir nich', aber ein hübsches Kurzgedicht (wir üben ja noch). Die meisten vorher geposteten auch nich'.
      Diese durchaus schwierige Versform wird in japanischen Haiku-Schulen gelehrt; daraus könnt ihr entnehmen, dass es nicht um die Zusammenführung von 17 Silben geht.
      Seine Kunst liegt im sparsamen(!) Gebrauch von Symbolik. Gefühlerlebnisse werden lediglich angedeutet; sie müssen bereits in der Darstellung enthalten sein. Die Darstellung von Dingen (oft der Natur entnommen) ist realistisch (!).
      Die Nacht hockt also nicht. :whistling:
      Ist ein Haiku gelungen, verbindet sich die Beschreibung einer Situation, meist durch ein Naturereignis dargestellt, mit einem starken Gefühlserlebnis. Dies alles absolut schlicht (!).
      Ziel ist es, dem Leser viele Assoziationsmöglichkeiten und Nachempfindungen offen zu halten.

      Meister Basho schreibt beispielsweise:

      "Stille.
      Tief bohrt sich in den Fels
      das Zirren der Zikaden."

      Die Wildrose hingegen könnte:

      "Geheimnis.
      Ruhig bricht die Nacht herein,
      verdunkelt das Glas."

      schreiben.

      Das wäre ein Haiku. Nicht spitzenmäßig, ginge aber schon durch.
      Es geht um die eigene, innere Haltung. - Ein Zen-Jünger, wie unsärn Volker (bildschönes Foto, übrigens!), hat das schon im Blut und muss deshalb kaum üben; wir anderen schon. :D

      Meinen eigenen (von oben) bessere ich hiermit auch schnell nach:

      Kirschblüten fallen.
      Ein Mandarin trinkt Reiswein,
      indes sein Blick glast.


      Das ginge wohl. Gerade so.


      Liebe Grüße
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Liebe Jack,
      vielen Dank für die Aufklärung. Dann sind alle “Haikus” die ich bisher gelesen habe, das waren nicht viele, nur deutsche Haiku-Versuche. Wie verhält es sich mit dem vielgepriesenen 5-7-5 Verhältnis? Ist das ein Muss? Ich glaube dann ist ein Haiku nichts für mich. Ich schreibe nicht gern in Rätseln. In welcher Gedichtsform kann ich aber die Nacht hocken lassen? In einem Elfchen vielleicht? Ich habe nämlich gerade Gefallen an solch kurzen Beschreibungen gefunden. Das ist auch eine gute Übung für größere Werke.
      :?:
      LG Wilde Rose
    • Die Haiku-Kunst bedarf keiner hohen Meßlatte !!!
      Das Silben-Versmaß 5-7-5 ist in der deutschen Sprache ein
      gewaltiges Unterfangen und wurde schon in englischer Sprache
      von Merwin, Hass, Ginsberg, Kerouac und Snyder gebrochen/verändert.

      Beispiele:
      1. Allen Ginsberg
      Im fünfzehnten Stock
      nagte ein Hund am Knochen -
      Quietschen von Taxis.

      2.Gary Snyder
      Ein Laster kam vorbei
      in drei Stunden her:
      Smoke Creek Desert

      3. W.S. Merwin
      Morgennebel im Tal
      Lerche steigt
      durch grünen Wolkenflur

      4. Jack Kerouac
      Auf meiner Dachrinne
      - der kleine Spatz
      Schaut sich um

      Jahrzehnte/Jahrhunderte vorher schrieben

      Basho:

      Kastanie über dem Giebel -
      nicht jeder
      bemerkt ihr Blühen

      und Buson schrieb:

      Ich gehe,
      du bleibst;
      zweimal Herbst

      und Issa schrieb:

      Die Mücke in meinem Ohr,
      glaubt sie ,
      ich wäre taub ?

      Und heute schreibe ich:

      Mal näher, mal ferner,
      leise verschwistert sich das Meer
      mit dem alten Sturm.

      HAIKU ist weltweit ein literarisches Ideal geworden,
      sogar Hermann Hesse hat sich seiner angenommen.
      Dieses abrupte Aufblitzen, ein Bild, das sich in einem
      Bild wiederfindet - drei Zeilen und doch ein ganzes
      Universum, eine ganze Welt !
      Kunstvolle Miniaturen an Lyrik.

      Einfach wundervoll.
      Gruß in die Runde,
      Volker
      :!:
      Irren ist menschlich !
    • Liebe Wildrose,

      Volker hat uns sehr schöne Beispiele gezeigt.
      Zusätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass diese Form ursprünglich heiteren Charakters war und deshalb weltweit auch in der Komischen Lyrik Verwendung fand.
      Mit Rätseln oder Rätselraten hat das Ganze nichts zu tun, ist sogar das Gegenteil davon. Eher eine Momentaufnahme, die die Bilder im Kopf des Lesers erscheinen lässt.
      Deine "hockende Nacht" ist ein formidables Bild und in der lyrischen Sprache verfasst worden, die nicht nur in europäischen Gedichten Verwendung findet und die wir alle zu Recht lieben.
      Haiku bedienen sich nicht eines Bildes: Sie sind das Bild.

      Und ich gebe Volker Recht: Das ist eine wunderbare, edle Kunst. Aber eine, die durchaus erlernbar ist.
      Wie überhaupt lyrisches Handwerk erlernbar ist.

      Mit Freundlichkeit gedüngte Grüße ^^
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Liebe Wilde Rose,

      hör einfach in dich hinein und lass die Tinte fließen!

      Alles ist gut!

      Alles Liebe

      Karlo
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    • Wilde Rose schrieb:

      Spätsommerabend
      versinkendes Sonnenlicht
      gold-grün die Wiese
      Liebe Wildrose,

      ich denke über diese Dinge viel, viel strenger als Volker oder Karlo, stehe der deutschen Haiku-Dichterei überhaupt mit Skepsis gegenüber. Das Genre liegt nicht allen gleichermaßen (mir auch nicht sonderlich), wenn du aber deinen ganzen Ehrgeiz in diese Kunst werfen möchtest, dann solltest du Geduld haben und nochmals Geduld, als die Grundlage stiller Betrachtung.
      Die Haikumeister haben oft viele Monate an einem Teilchen geschraubt ... alles muss stimmen! Vor allem der Klang, das Spiel mit den Vokalen etc.

      Das obige könntest du evtl. so nachbessern:

      "Spätsommerabend.
      Im sinkenden Sonnenlicht
      färbt sich die Wiese"

      Zwei Verse gehören fast immer zusammen.

      Hoffentlich bist du nun nicht böse auf mich. Aber ich persönlich schätze Lyrik zu sehr, um sie beliebig zu gestalten. :whistling:

      Natürlich sind die Interessenlagen in einem Forum verschieden. Die einen wollen Spaß haben und ein paar Gelegenheitsgedichte verfassen - was vollkommen in Ordnung ist. Andere wollen stetig dazulernen (dazu zähle ich dich) und sich weiterentwickeln.
      Für jene geht es nicht nur um Spaß, sondern auch um Arbeit, um viel Arbeit. Und um Geduld.

      Spornende Grüße
      Jack
      Mein Maul ist ein Löwe / mein Herz ein Kaninchen;
      von fern bin ich Zora / von Nahem: Sabinchen.

      (Simone Borowiak)
    • Hallo Jack,
      warum sollte ich dir böse sein? Für konstruktive Kritik bin ich immer offen, denn ja, ich möchte mich weiterentwickeln.
      Allerdings wird mir niemand meine heitere Leichtigkeit austreiben können, denn das ist mir das Liebste. Doch möchte ich auch in der Lage sein umwerfend schöne ernsthafte Stücke zu verfassen. Da hapert es noch etwas bei der Wortfindung. Deshalb empfinde ich diese Kurzgedichte als eine wunderbare Übung. Ich habe dabei gar nicht mal das Bestreben es Haiku nennen zu dürfen, jetzt da ich ein wenig von den Besonderheiten eines solchen erfahren habe. (bin naiv hineingestolpert).
      Trotzdem noch ein neuer Versuch:

      Abendsonnenlicht,
      still mischt sich strahlendes Gold
      ins Grün der Wiese

      Liebe Sonnenuntergangsgrüße
      Wilde Rose
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