Macht nichts, kann passieren - Rohfassung, Arbeitstitel. Roman, Einleitung

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    • Macht nichts, kann passieren - Rohfassung, Arbeitstitel. Roman, Einleitung



      Dienstag, 13. Februar 2018


      „Nicht nachweisbar.“ Der Arzt beobachtet, wie ich reagiere. Er ist jung, hat volles blondes Haar und strahlend blaue Augen und ist nicht älter als vierzig, entschieden jünger als ich. Ein schöner Mann, würde meine Mutter gesagt haben. Aber für sie war ja auch Willy Forst ein schöner Mann.

      Nicht nachweisbar, wo ich mir den Krebs eingefangen habe, aha. Dr. Mehlis hat ihn mir gezeigt auf dem Bildschirm: Ein rundes schwarzes Gebilde, eher ein Geflecht, sitzt an der linken Niere.

      „Sechs Zentimeter Durchschnitt“, sagt der Arzt gerade. „Und Sie haben keine Schmerzen gehabt? Tja“, Dr. Mehlis lehnt sich zurück im Bürostuhl, „ kommt öfter vor bei Nierentumor.“

      Er vermeidet den Begriff Krebs, registriere ich. Er will mich nicht aufregen. Aber ich bin gar nicht aufgeregt. Ich bin neugierig, ich habe noch nie einen Krebstumor gesehen. Ich beuge mich zum Bildschirm vor, um ihn mir genau anzusehen: So sieht er also aus, mein persönlicher Krebs.

      „So ein Tumor“, sagt Dr. Mehlis, „der baut sich auf über eine längere Zeit.“

      Ich wüsste schon, wo ich ihn mir eingefangen habe. Ich will es ihm sagen, zögere aber, das gäbe ein längeres Gespräch, und der Arzt macht nicht den Eindruck, als ob er dazu Zeit erübrigen könnte. Also nicke ich nur und sage etwas leiser als sonst: „Was passiert nun? Operation?“

      Dr. Mehlis richtet sich im Stuhl auf: „Ja, schnellstens. Erst die Voruntersuchung, dann am 1. März die OP.“ Jetzt verliert sein Blick das Sachliche. Er sieht mich an und schweigt.

      „Den Termin für die Untersuchung habe ich schon“, sage ich. „Bisschen früh am Tage.“ Ich grinse ein bisschen gequält.

      „Nüchtern“, sagt er. Sein kleiner Mitleidsblick verfliegt, er wird wieder sachlich. Er reicht mir die Hand. Vielleicht will er prüfen, ob ich zittere, denke ich. Ich zittere nicht und drücke fest zu.

      Es ist ein evangelisches Krankenhaus, zu dem mich Frau Dr. Lange, die Urologin, geschickt hat. Sie wird sich was dabei gedacht haben, vermute ich. Beim dem heutigen Mangel an Pflegepersonal. Die Schwestern werden den mit dem lieben Gott wettmachen.

      Auf dem Weg zur Straßenbahn überlege ich, ob ich Dr. Mehlis hätte sagen sollen, woher ich den Krebs habe. Jedenfalls, was ich vermute, woher. Als ich in die Bahn einsteige, entscheide ich, es war gut, dass wir darüber nicht gesprochen haben.

      Alles fing damit an, dass mir die Jeans zu weit wurden. Im Spiegel sah ich ein graues, eingefallenes Gesicht, meins. Die Haut an den Armen wurde faltig. Ich stieg auf die Waage: Ich hatte abgenommen. Mal nachrechnen, wie viele Kilo – 16 Kilo, seit ich mich das letzte Mal Ende Oktober gewogen hatte. Bisschen viel. Irgendwas ist doch mit mir los, ich tu doch nichts fürs Abnehmen, Hungern kommt bei mir nicht in Frage. Kurzentschlossen holte ich mir einen Termin bei Dr. Hollasch, meinem Hausarzt.

      Dr. Hollasch hatte einen Tag, an dem er nur Ultraschall machte. Die Bänke vor dem Behandlungszimmer waren alle besetzt, als ich ankam. Ich war dann die Zweite, die Dr. Hollasch aufrief. Er schmierte mir das glibbrige Zeug auf den Bauch und fing mit dem Gerät unter dem Rippenbogen an. Ich sah nur sein Gesicht, ihm war nichts anzumerken. Plötzlich, am linken Unterbauch, hielt er an. Er richtete sich auf. „Das muss ich mir noch einmal genau ansehen“, sagte er. Zu betont sachlich, kam es mir vor. Ich fragte nicht, warum er sich das noch einmal genau ansehen müsse, ich erhob mich von der Liege und zog mir die Jeans hoch. Er schickte mich in die Radiologie. Dort wurde mein Bauch abgetastet. „Ein CT“, hatte die junge Frau am Tresen gesagt.

      Dr. Hollasch ist ein Schweiger. Er sagte mir nicht, weshalb er mich zu Dr. Lange, der Urologin, überwies, nachdem er die CT-Aufnahme sah.

      Endlich Frau Dr. Lange, eine pummlige, freundliche Frau über Vierzig, sprach mit mir Klartext: Nierenkrebs. Ich glaube, ich war ein bisschen blass geworden. Aber ansonsten nahm ich mich zusammen und sagte nur: „Ach so?“ Irgendwas Ernsthaftes hatte ich mir ja gedacht, das es sein könnte, aber Krebs? Nun ja. Ich nahm die Überweisung zu dem mir unbekannten evangelischen Krankenhaus wortlos entgegen, schüttelte der Frau Doktor ordentlich die Hand und ging. Dr. Lange sah mir bis zur Tür nach, spürte ich.

      So lernte ich Dr. Mehlis, der mich operieren würde, und meinen Krebs kennen. Und jetzt sitzt mir der Mann im Arztkittel gegenüber und wird in meinen Eingeweiden herumwirtschaften.
    • Hallo Angelika,

      das ich "Gefällt mir" angeklickt habe, soll heißen, ich finde es mutig von dir, über deinen Krebs zu berichten. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht einfach ist, über dieses Thema zu schreiben.
      Aber oft hilft es einem selbst, darüber zu reden und es könnte sein, dass du anderen Mut gemacht hast, auch ihre Geschichte zu erzählen.

      Alles Gute für Dich

      wünscht
      eiselfe
      Das Leben ist zu kurz - für Irgendwann.

      Was sein wird, wird sein
    • Danke, Eiselfe, für dein Mitgefühl. Ich fühle mich nicht besonders mutig, wenn ich darüber schreibe. Ist doch keine Schande, wenn man Krebs hat. Krebs ist doch heutzutage eine Krankheit wie jede andere. Der Mensch ist eben ein leichtes Opfer für Krankheiten. Mutiger ist es schon, dass ich mich an einen Roman mache. Mal sehen, ob ich das über ungefähr 250 Seiten durchstehe und den Leser nicht langweile. Ich stell mal ab und zu was ein, es ist aber noch die Rohfassung. Muss alles noch überarbeitet werden. Und da würde ich ganz gern wissen, wie es beim Leser ankommt, ob es Vorschläge gibt, die ich aufnehmen kann.

      Angelika
    • Ein Roman ist schon eine Herausforderung, da hast du recht, mich würde interessieren, warum du diesen Roman schreibst und warum dieses Thema.
      Verstehe mich nicht falsch, ich finde es toll, das du diesen Roman schreibst und ich bin schon gespannt auf die nächste Leseprobe ...


      es grüßt
      die eiselfe
      Das Leben ist zu kurz - für Irgendwann.

      Was sein wird, wird sein

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von eiselfe ()

    • Ich weiß noch gar nicht, ob es wirklich ein Roman wird, vielleicht eher ein Bericht. Denn letztlich geht es darum, wie meine Protagonistin zu ihrem Krebs kam. Ich bemühe mich, jede Gefühligkeit zu vermeiden, von der ja der Roman lebt. Aber es ist noch alles in der Rohfassung, und wenn der Text vorliegt, vielleicht schmeiße ich ihn vielleicht sogar um oder lösche ihn. Ist alles noch nicht raus. Jedenfalls ist das mal ein größeres Projekt als eine kurze Erzählung. Und ob diese Szene wirklich die Einleitung wird, das entscheidet sich, wenn der Text insgesamt vorliegt.

      Angelika
    • Und da würde ich ganz gern wissen, wie es beim Leser ankommt, ob es Vorschläge gibt, die ich aufnehmen kann.




      Hallo Angelika,

      dein Text liest sich, so wie er jetzt geschrieben steht, für mich eher wie ein Bericht. Für einen Roman schlägst du m.E. ein viel zu hohes Erzähltempo an.

      Ich weiß noch gar nicht, ob es wirklich ein Roman wird, vielleicht eher ein Bericht.
      Ich meine, das solltest du dir dringend vorher überlegen, weil ein Roman ja ganz anders aufgebaut ist: Protagonist, Antagonist, Spannungsbogen, Konflikte ... der ganze Kram eben,den du vorab festlegen solltest. - Aber wenn du dabei völlig auf Emotionen verzichten möchtest ... ich bezweifle auch, dass ein Roman dann funktioniert.
      - Meine zwei Cent. -

      Deine Idee finde ich spannend und gut.

      LG
      Berthold
    • Hallo Berthold,

      toll, danke für deinen Kommentar. Ja, du hast natürlich recht, die Personage steht fest. Alles da: Protagonist, Antagonist, Konflikte, Spannungsbogen.
      Auf Emotionen verzichten, das ist so gemeint, dass ich jede Larmoyanz vermeiden will. Ich habe mal ein Buch gelesen, da ging es um eine andere Krankheit, auch eher ein Bericht, wurde aber als Roman ausgegeben, da trieften die Tränen aus jeder Seite, die man umschlug. Das hat mich abgestoßen. Ich bin auch der Ansicht, das Krebs heute schon zu einer normalen Krankheit geworden ist, man sollte da kein mystisches emotionales Geschwurbel reinbringen. Ich bin ein rationaler Mensch, und das kann ich natürlich bei allem, was ich schreibe, nicht verleugnen, will ich auch gar nicht. Das Thema, um das es eigentlich geht, ist gar nicht die Krankheit, die ist nur die Folge, so dass im Grunde, wenn ich diese Szene als Exposition benutze, der Schluss am Anfang steht. Das ist ein Trick, ob er gut ist, wird sich zeigen. Ich will zeigen, wie ist es dazu gekommen. Da ist viel Gegenwart vorhanden, auch Kritik der Gegenwart unter Vermeidung jedes Plakativen. Jedenfalls hoffe ich, dass mir das gelingt. Wenn es mir nicht gelingt, landet der Stoß Papier dahin, wo er hingehört.

      Angelika
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