Der kleine Junge Strand

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    • Der kleine Junge Strand

      Luise grub ihre nackten Füße in den warmen Sand und ließ ihren Blick über die Weite des Meeres schweifen. An der Linie des Horizonts entlanggleitend, blähten mehrere Boote ihre weißen Segel gegen den Wind auf. Wehmütig lächelnd verfing sich ihre Sehnsucht in dem Gedanken, wie es wohl wäre mit einem dieser Boote auf die offene See hinauszufahren und das zerrissene Land ihrer Erinnerungen hinter sich zu lassen, um in unbekannter Ferne ein neues Leben anzufangen. Unbelastet, wie ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier, würde sie ihrem Lebensbuch ein neues Kapitel hinzufügen. Sie zog ihren Strohhut tiefer ins Gesicht, um ihre empfindliche Haut vor dem gleißenden Licht der Sonne zu schützen.
      Früher, bevor das Leben ihre Träume eingeholt und unter einem Berg aus Verpflichtungen begraben hatte, gehörte das Fernweh zu ihrem Leben wie ein altes geliebtes Lied, dessen Melodie sehnsuchtsvoll pochend in ihrer Brust schlug.
      Leise seufzend schloss Luise die Augen und schüttelte die verloren geglaubte Sehnsucht von ihren schweren Schultern. Im Moment kostete es sie schon übermäßige Kraft die einfachsten Dinge des Alltages zu bewältigen, denn das Leben, das sie einst den Abenteuereisen vorgezogen hatte, existierte nur noch in ihren Erinnerungen. Dennoch fühlte sich der Gedanke alles hinter sich zu lassen, nur in ihrer Phantasie befreiend an. In Wahrheit jagte ihr jede Veränderung, und sei sie auch noch so gering, furchtbare Angst ein. Sie war nicht imstande das Verlorene loszulassen, wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an den Schmerz des Verlustes, weil er das Einzige war, der sie daran erinnerte am Leben zu sein. Ohne ihn würde sich jeder Atemzug, jeder Herzschlag und jeder Gedanke taub anfühlen, gefangen im schwarzen Nichts der Dunkelheit.
      Mitten in ihre Gedanken hinein erklang ein fröhliches Jauchzen. Ruckartig drehte Luise ihren Kopf in die Richtung aus der der Laut gekommen war. Ihr Herz zog sich sogleich schmerzhaft zusammen und sie hatte plötzlich Mühe genügend Luft zu bekommen. Ohne das sie sich dagegen wehren konnte, saugten sich ihre Augen an dem Anblick des kleinen Jungen fest, der in diesem Moment jubelnd die Arme in die Luft warf und aufgeregt in den heranbrandenden Wellen des Meeres auf und ab hüpfte.
      „Mami! Mami! Ich hab einen!“, rief er und verschluckte sich fast an seinem unbändigem Lachen. So schnell seine kleinen Füße ihn trugen, rannte er vom Meeresufer hinauf, über den Strand auf eine junge Frau ganz in ihrer Nähe zu. Sie streckte ihm liebevoll lächelnd ihre Arme entgegen und fing seine überschäumende Freude in einer innigen Umarmung auf. Seine kleinen Finger, die sich fest um etwas geschlossen hatten, öffneten sich und brachten einige Steine zum Vorschein.
      „Sieh nur! Sieh nur! Der hier hat ein Loch!“ Hell und klar floss seine Freude über den warmen Sand zu ihr hinüber und Luise spürte wie eine Welle der Traurigkeit sie erfasste. Sie schluckte heftig und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die ihr den Blick auf den Jungen verschleierten, der sein Fundstück vorsichtig in die Hand seiner Mutter gleiten ließ. Luise musste trotz ihres Schmerzes lächeln, als die Mutter des Jungen den Stein mit gebührender Ehrfurcht betrachtete und anschließend zwischen ihren Fingern hin und her drehte. Dann streckte sie ihre Hand mit dem Stein gen Himmel und Mutter und Sohn bestaunten das Sonnenlicht, dass in warmen Strahlen durch das Loch des Hühnergottes fiel.
      „Das ist der schönste Stein, den ich je gesehen habe.“, sagte seine Mutter zärtlich und gab ihrem Sohn einen Kuss auf den blonden Lockenkopf, der sich daraufhin eng an ihren Körper schmiegte und seinen Kopf an ihrem Hals vergrub.
      Luise spürte die tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und Sohn und musste ihren Blick abwenden, um nicht die Fassung zu verlieren. Nur um im nächsten Moment wie unter Zwang wieder hinzusehen. Und als hätte die andere Frau ihre Blicke gespürt, wandte sie den Kopf in ihre Richtung.
      Hastig senkte Luise den Blick. Sie wollte nicht, dass die Mutter des Jungen sie für merkwürdig oder gar aufdringlich hielt. Sie mochte nicht in der Lage sein ihren Alltag mit all seinen Belanglosigkeiten zu bewältigen, aber sie wollte dennoch nicht als Verrückte abgestempelt werden. Auch wenn sie dem Verrückt-sein in der momentanen Phase ihres Lebens deutlich näher war, als dem des Normalsein. Dr. Müller, ihre Psychologin würde jetzt sagen, dass dies im Augenblick völlig normal war und zum Prozess der Trauer und des Loslassens dazu gehörte.
      Luise hob erneut den Blick. Der kleine Junge hatte begonnen mit bloßen Händen ein Loch in den Sand zu graben. Er war völlig in seine Handlung vertieft und bemerkte nicht, dass seine Mutter ihn lächelnd betrachtete und das Bild ihres spielenden Sohnes mit der Handykamera für die Ewigkeit festhielt. Dann hockte sie sich neben ihn in den Sand und begann, die Anweisungen ihres Sohnes genau befolgend, ihm beim Bau seines Wasserloches zu helfen.
      Luise beneidete die junge Frau so sehr um ihr Glück, dass es ihr beinahe körperlich weh tat. Es zerriss ihr förmlich das Herz dem Geschehen weiter zuzusehen. Doch wie zuvor brachte sie es nicht über sich die Augen abzuwenden oder sich gar von ihrer Strandmatte zu erheben und wegzugehen.
      „Halt!“, rief der Junge plötzlich erschrocken aus und schob die Hand seiner Mutter hastig beiseite, als diese den Sand auf die andere Seite des Wasserloches zu schaufeln begann. „Hier leben doch die Drachen! Jetzt müssen wir sie schnell wieder ausbuddeln, bevor sie ersticken.“ Eifrig begannen Mutter und Sohn mit der Rettungsaktion für die Drachen und Luise erinnerte sich an jenen Tag vor zwei Jahren, der ihr Leben für immer verändern sollte…

      Dies ist der erste Teil (wenn man es so nennen will) einer Kurzgeschichte, an der ich gerade arbeite. Feedback und Kritik sind sehr erwünscht. :)
    • Hallo Mandy,
      herzlich willkommen hier in der PoetenWG.
      Dein Text liest sich sehr flüssig und nimmt einen gut mit in die Gedankenwelt der Protagonistin.
      Für mich gibt es nichts Gravierendes auszusetzen, nur beim Titel habe ich etwas überlegt, weil er für "Prosa" doch etwas "metapherbeladen" wirkt.
      LG
      Perry
      Es ist nett wichtig zu sein, aber viel wichtiger nett zu sein.
    • Mandy schrieb:

      Unbelastet, wie ein unbeschriebenes weißes Blatt Papier, würde sie ihrem Lebensbuch ein neues Kapitel hinzufügen.

      Mir gefällt der Text sehr gut, aber über diesen Satz bin ich mehrfach gestolpert. Rein sprachlich sehr gut und schön bildhaft.
      Allerdings wirkt er auf mich ein bisschen unnatürlich, in Relation zum übrigen Text. Hier sitzt jemand am Strand und denkt scheinbar über einen neuen Lebensabschnitt nach.
      Ich glaube aber nicht, dass ein Mensch so denken würde, selbst wenn er gebildet ist. Oder ist das eine Beschreibung des übergeordneten Erzählers?
      Dann würde es sicher passen aber irgendwie stört mich dieser Satz trotzdem (oder sticht heraus).
      Eigentlich kurios, da er ich ihn sehr schön finde.... Es ist schwer zu beschreiben und vielleicht auch nur ganz persönliches Empfinden.

      Bitte sei nicht böse, so ist es nicht gemeint!
      Meine Frau schreibt ja auch ihre Geschichten und ich muss immer die Testleserin geben... Deswegen weiß ich auch, dass es häufig solche Sprachbilder sind, die ein Autor besonders mag und an denen er feilt.
      Wir diskutieren jedenfalls ziemlich oft über solche Sätze, wenn sie sich irgendwie anorganisch anfühlen.
      Das wollte ich nur mal als Hintergrund liefern. Vielleicht wirkt der Satz auch nur so, weil der Rest des Textes so schön fließend ist?
      Ich jedenfalls würde gern wissen, wie es weitergeht und hoffe, Du empfindet dies als konstruktive Kritik!

      LG Lena
      Leave one wolf alive and the sheeps are never save
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