Such`(t) nach Liebe

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    • Such`(t) nach Liebe

      Such`(t) nach Liebe

      Wie oft hatte er verzweifelt weinen müssen
      - ungewolltes Kind ins Geburtsbett gepresst.
      Später zum Schreien in den Laufstall gesperrt
      - keine Wärme, keine Empathie, keinen Schutz.

      And`re hatten das strahlende Gesicht,
      nur er, nur er, er hatte es nicht.
      Der Bruder stets zuerst geliebt, immer im feinsten Kragen,
      nur er, nur er, er war das Ersatzrad am Wagen.

      Er war keine Wahl - nicht mal die zweite,
      das war, was ihn abgrundtief kränkte
      und sein Leben bestimmte und lenkte.
      Es war nur ein Haufen aus Scherben,

      wie soll einer damit fertig werden?
      Zuschlagen? Als Ventil für die eigene Wut?
      Er schlug zu, von Sinnen im Rausch, wie andere wissen,
      betäubt sein Bewusstsein und auch sein Gewissen.

      Seine Frau verstarb am dritten Herzinfarkt,
      als der Sohn in die Fußstapfen des Vaters trat.
      Sie soffen beide noch viele Tage und Nächte
      und blieben so des Alkohols Knechte.

      Sie nahmen ihm beide Raucherbeine ab.
      Da wurde er kürzer und schlanker, nicht zu knapp.
      Seine Lunge war schwarz vom Teer,
      Nikotin-verseucht krepierte er.

      Sein Sohn machte weiter - hoch die Tassen, hoch die Tassen.
      Er soff nun mit seinem Sohn, seiner Schwester und deren Kindern
      und brauchte den Vater nicht mehr zu hassen.

      Epilog

      Lieber Papa,
      ich weiß gar nicht, wie ich es schaffe, zu schreiben. Ich habe gestern mit D. einen Kasten gelehrt und bin jetzt noch ziemlich dicht. Schade, dass wir nicht mehr zusammen trinken
      können, das war immer schön. Ok, wir mussten aufpassen, dass Du keinen Schnaps trinkst. Wenn Du den intus hattest, warst Du unberechenbar und wir haben das dann alle zu
      spüren bekommen. Wenn D. nicht dazwischen gegangen wäre - auweia. Gott sei dank konnte er Dir, als er groß war, Paroli bieten. Aber, als D. selbst anfing an Wochenenden
      regelmäßig Orangensaft mit Tequila zu trinken, war das für Mama zu viel. Du weißt, das war Ihr Ende. Gut, dass Du unseren Stiefbruder nicht zur Beerdigung eingeladen hast.
      Er hat Dich doch sowieso nie geliebt. Außerdem hat er nie mit uns getrunken, wenn er mal zu besuch bei uns war.

      Papa. Es ist nicht Dein Leid und mein Leid, an dem ich ersticke. Es ist das Unverständnis der anderen über unser Leid, das mich ersticken lässt. Das spüre ich jeden Tag, wenn ich
      K. zum Kindergarten bringe und von dort abhole. Papa, ich habe Dich so manches mal gehasst, das wollte ich nicht - ich hab`Dich doch lieb.

      Martin Heide
    • Hallo Ruedi,

      nein an meinem Text ist nichts fiktiv. Der Stiefbruder bin ich. Als mein Vater Rentner wurde, brach mein Kontakt zu ihm und zu meinen Stiefgeschwistern.
      Ich hatte unzählige male versucht ihn anzurufen, ich hatte unzählige male bei ihm vor verschlossener Tür gestanden bis ein Nachbar mir erzählte:
      "Da macht keiner auf. Der Alte versäuft seine Rente und seine Kinder passen auf`s Geld auf und saufen mit. Die kommen nur raus, wenn sie Nachschub brauchen. Ansonsten sind die jeden Tag hacke dicht."

      Der Brief im Epilog ist ein Konstrukt aus selbst erlebten Ereignissen/Tatsachen, die Schlussfolgerungen aber, sind meine Erklärungen, warum sich alles so ereignet hat, wie es sich ereignete.

      Herzliche Grüße
      Martin
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