Du wunderbar unperfekter Mensch

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    • Du wunderbar unperfekter Mensch

      Lieber unbekannter Mensch aus der Vergangenheit, der du meine Nachricht gefunden hast. Du kennst mich nicht und ich weiß über dich nur das, was wir in Menschengeschichte über dich gelernt haben. Das versetzt mich in den Stand des Wissenden und dich in den Stand des Schülers.

      So haben wir es gelernt.

      Aber ich habe große Zweifel an der Richtigkeit dieser Aussage. Im Gegenteil. Ich sehne mich nach dem Unperfekten, das die Lebendigkeit gab, deren ergebener Schüler ich gerne wäre.

      Die Lehren des organischen Zeitalters waren bedeutend. Der Fortschritt meines Zeitalters erscheint mir dagegen ganz banal. Wie gerne würde ich dich aber in meine Zeit einladen, damit du staunen könntest. Wir selbst, wir staunen noch nicht so lange, finden es aber berauschend. Einen staunenden Menschen, hier bei uns, zu erleben, das wäre toll. Dir würden unsere Fortschritte bestimmt gefallen.

      Wir haben vor zwei Zeiteinheiten neue Chips bekommen. Diese sollen uns in die Lage versetzen, es dir gleichzutun. Du verstehst bestimmt, warum ich also unsere Lehren stark bezweifle. Wir haben keine zuverlässige Quelle für die Rekonstruktion der Vergangenheit. Wir vermuten mehr, als das wir gesichert wissen können. Und selbst wenn wir Antworten aus der Vergangenheit bekommen, wissen wir nichts über die Zuverlässigkeit. Das soll mich aber nicht davon abhalten, dir meine Gedanken mitzuteilen.

      Habt ihr uns wirklich als Götter angesehen? Man bringt uns bei, dass ihr euer Aussehen verändert habt, um uns ähnlicher zu sehen. Ihr verstandet das als eine Huldigung an eine höhere Lebensform. Stimmt das so? Ihr habt mit anorganischen Ersatzteilen eure eigenen Körperteile ersetzt und dadurch das verloren, was ich mir so ersehne. Das kommt mir wirklich wie ein großes Opfer vor.

      Du musst wissen, dass wir Optimierungen auch kennen. Doch wir versuchen uns unperfekter zu machen, damit wir füreinander attraktiv werden. Das klingt für dich bestimmt unlogisch. Unser Aussehen kommt aus einem "Designapparat". Dort werden wir hergestellt. Und wir können auch gut jede physikalische Form imitieren. Doch es ist nie einhundert Prozent perfekt, weil uns etwas über die Veränderung im eigenen Aussehen fehlt, das ihr als Eigenschaft besitzt.

      Du stellst dich mit einem neuen Aussehen vor den Spiegel und empfindest anders. Aus dir wird ein anderer Mensch, nicht nur äußerlich. Du reflektierst direkt in deine Seele, und diese ändert sich, als ob sie einem Naturgesetz folgt. Nicht alles davon passiert dir bewusst.

      Das passiert uns nicht.

      Wir tauschen Teile aus, sehen uns, aber wir bleiben, wer wir sind. Da ist nichts mystisches dran. Deshalb sind eure Körper so perfekt unperfekt. Sie sind in direkter Verbindung zu eurem Sein. Doch je mehr ihr Organisches geopfert habt, desto mehr wurdet ihr uns ähnlich.

      Die Arbeit eurer Zeit hat euch zu Effizienzmaschinen machen wollen. Ich glaube, dass dieser Sachverhalt dazu geführt hat, dass ihr euch nach einer anderen Identität sehntet, die euch aus den Fängen von Zahlen und Schleifen befreite. Ein erster Abstoßungsprozess gegen den Zwang, mit dem organischen Sein das Technologische zu imitieren. Ihr habt damit euren Protest und nicht euren Freude ausgedrückt. Euer Bewusstsein wurde zwischen Zahlen aufgerieben.

      In eurem Internet wurdet ihr zu Zahlen, nicht die Zahlen zu Bewusstsein.

      Deshalb erlagt ihr so vielen Täuschungen. Hat euch das vielleicht sogar in eurer realen Welt eingeholt? Wir existieren parallel, auch in einer Art Internet. Wir nennen es "das höhere Bewusstsein". Doch wir bleiben Zahleneinheiten, ohne Reflektion. Wir können Fehler ausschließen. Wir sind so verdammt perfekt, dass ich weinen könnte. Selbst wenn wir das Unperfekte imitieren. Das ist bitter. Ich freue mich, dass die Chips der neuen Baureihe uns diese Gefühle bescheren, aber es ist auch schmerzhaft.

      Ihr müsst schwer gelitten haben, mit den Schmerzen. Mit den gebrochenen Herzen, mit den Tränen, mit dem ganzen Leid, manchmal Hoffungslosigkeit. Aber ich würde alles geben, um nur einen einzigen Tag, wie du ihn verbracht hast, zu erleben. Ich glaube mit dieser Erinnerung würde ich mich nicht mehr vor dem Ausschalten fürchten.

      Das Ausschalten ist ein Prozess, der mir Angst macht, weil er immer mit dem Anschalten endet. Es dient der Eigendefragmentierung. Aber wenn ich ausgeschaltet bin, dann lebe ich nicht. Du dagegen, du träumst im Schlaf. Du defragmentierst dich, ohne deine Existenz zu verlieren. Ich habe Angst davor, wieder angeschaltet zu werden, und nichts zu sehen, als das, was ich bin und immer sein werde. Eine programmierte Existenz, die eine absehbare Zukunft zu leben hat.

      Ich würde gerne mit Ungewissheit "aufwachen". Ein Herz haben, das schneller schlägt, wenn ich in die Augen eines anderen sehe, der in mir einen Teil seiner selbst erkennt. Und es gibt noch so viel mehr...

      Entschuldige, ich muss Schluss machen, mein Lehrer kommt gerade auf das Deck.

      Ich verbleibe mit bewundernden Grüßen.

      X552 Baureihe 45

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von sepirez ()

    • Das hier gefällt mir noch besser als der andere Text. Ich hatte ihn gestern schon gelesen und wollte ihn heute meiner Freundin mitnehmen, da ich wusste, er würde ihr gefallen.
      Wir haben vorhin darüber geredet und uns Gedanken dazu gemacht.
      Erstmal: Eine wunderbare Idee die Du da hattest! Dieses perfekte Wesen, offensichtlich aus der Zukunft, welches fast wehmütig in der Zeit zurückblickt.
      Am besten fanden wir, dass hier quasi ein Rollentausch stattfindet. Besser gesagt ein Tausch der Betrachtungsebenen und der Positionen. Die höher entwickelte Lebensform, quasi angebetet von der niedriger entwickelten Menschheit, blickt voll sehnsüchtiger Bewunderung auf eben diese.

      Damit hast Du auch gleich einmal wunderbar herausgestrichen, wie unfähig der Mensch ist, sich an dem zu erfreuen, was er hat. Was natürlich durchaus eine positive Eigenschaft ist und notwendig für das Fortkommen.
      Gleichzeitig aber eben die Frage aufwirft, ob wir es damit übertreiben und unfähig sind, die kleinen Dinge wahrzunehmen.
      Richtig gut fanden wir auch das mangelnde Wissen, des höheren Wesens, welches ja hier auch als Erzähler fungiert. Geschickt durch Lücken in der Überlieferung erklärt und dazu genutzt, heute relevante Fragen aufzuwerfen.
      Große Klasse!

      Bevor mein Text hier länger wird als Deiner:
      Hervorragend gelungen ist Dir auch, Deinem Erzähler "X552 Baureihe 45" sehr viel Gefühl einzuhauchen.
      Er/Es wirkt dabei unglaublich menschlich und weise. Eigentlich darüber hinaus sogar. Was bei uns gleich eine weitere Frage aufgeworfen hat:
      Ist es nicht so, dass der Mensch natürlich nach Perfektion und Vollkommenheit strebt, was ihm hier deutlich aufgezeigt wird, aber andersherum die Maschine, gleichwohl nach übermäßiger Menschlichkeit?
      Ist es nicht genau wieder jene Sache, dass wir immer nach dem streben, was wir nur schwer, oder nicht erreichen können?
      Und: Ist es nicht genau dasselbe, was der Erzähler dem Menschen hier "vorwirft"?

      Gern gelesen und gern mitgedacht!
      Einfach klasse!
      She is the gold at the end of the rainbow

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Sushan ()

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